Neutralität ist eine Illusion

Über einen Denkfehler, den wir uns in der Spiri- und Coaching-Szene gern als Reife bzw. Offenheit verkaufen

Wenn ich mich klar und eindeutig zu gesellschaftspolitischen Themen äußere, wird mir oft Spaltung vorgeworfen. Interessanterweise kommt dieser Vorwurf meist nicht von rechts, sondern aus der psychospirituellen Szene, für die ich arbeite.

»Veit, du spaltest.« »Das ist niedrig schwingend.« »Wir sind doch alle eins.«

Begriffe wie Meinungsfreiheit, Toleranz, Einheit werden in diesem Zusammenhang gern in einen Topf geworfen. Dieser Artikel lädt zur Differenzierung ein.

Ich würde gern mit dir zwei weit verbreitete Denkfehler aufdecken:

1. “Es gibt so etwas wie Neutralität.”

2. “Die Haltung der Neutralität ist ein Zeichen von Abgeklärtheit und Reife.”

So etwas wie Neutralität gibt es nicht

Solange du auf diesem dual gestalteten Planeten unterwegs bist und denkst und handelst, kannst du das mit Neutralität vergessen. Du beeinflusst immer irgendeine eine Richtung. Mit jedem Atemzug.

Wenn sich zwei Leute streiten und eine dritte Person sagt: »Ich halte mich da raus.«, ist sie nicht neutral. Sie hat entschieden, dass der Streit und das damit verbundene Leid ihr nicht wichtig genug sind, um einzugreifen.

Sind die beiden ungleich stark (was meist der Fall ist), hat sie durch ihre „Neutralität“ etwas bewirkt, ob sie will oder nicht: Sie lässt die stärkere Person gewähren. Zu- oder Wegschauen ist nicht neutral. Es ist eine Unterstützung der mächtigeren Kräfte.

„Schweigende Neutralität“ zu den heißen Themen unserer Zeit ist Heuchelei.

Wir predigen Toleranz, Verbundenheit und Solidarität mit „allen Menschen“, aber in den Momenten, in denen einige von ihnen oder ganze Gruppen realen Angriffen oder Entwertungen ausgesetzt sind, lassen wir sie ohne Schutz stehen.

Für Täter*innen mag das sehr bequem sein, sie dürfen weitersprechen, weitermarschieren, weitermachen. Für Betroffene wirkt es wie ein schmerzhafter Verrat, der oft tiefer erschüttert als eine offene Ablehnung, weil er unter dem Label Liebe, Bewusstheit oder Professionalität daherkommt.

Gerade in der spirituellen Szene wird Neutralität gern mit einem hohen Grad an Bewusstheit verwechselt. Dabei lohnt sich ein Blick in den Buddhismus, auf den sich viele in solchen Debatten berufen. Mitgefühl bedeutet dort eben gerade nicht, Gewalt, Lüge oder Entmenschlichung einfach nur gelassen zu betrachten.

In der buddhistischen Ethik zählt nicht nur, ob jemand äußerlich ruhig bleibt, sondern auch, ob sein Verhalten Leid vergrößert oder verringert.

Ja, es geht um das Ideal der Gewaltlosigkeit (Ahimsa), die Dinge zu sehen, „wie sie sind“, ohne sich in der eigenen Geschichte zu verlieren. Doch dieselbe Tradition hat über Jahrhunderte betont, dass Wegschauen mitschuldig machen kann.

Echtes Mitgefühl wird hier nicht weichgespült. Es kann hart werden, sogar zornig. Es stellt sich dazwischen, wenn jemand attackiert wird, und macht sich dabei selbst angreifbar. Es handelt ohne Hass, aber klar parteiisch, auf der Seite der Schwächeren.

Übertragen auf unsere Szene heißt das: Wenn wir uns auf Buddha, Christus, den Dalai Lama oder „Bewusstsein“ berufen und gleichzeitig so tun, als sei es erleuchtet, faschistische, ausgrenzende oder menschenverachtende Positionen zu „verstehen“ oder ihnen „neutral“ Bühne zu geben, dann verwechseln wir echte Reife mit unreifer Konfliktvermeidung.

Wir können uns nicht im Yoga-Kurs oder Herz-Öffnungs-Seminaren auf die vereinenden, mitfühlenden Weisheiten unserer großen Vorbilder berufen und sie dann im realen Leben vergessen.

Neutralität ist dann kein höherer Bewusstseinszustand, sondern eine Pose, die unseren Rückzug aus der Verantwortung ästhetisiert. Sie fühlt sich gut an, weil sie auf den ersten Blick niemandem direkt wehtut, aber sie lässt langfristig genau jene Kräfte ungebremst wirken, die den Raum verengen, in dem Meditation, Therapie, Heilung und demokratischer Diskurs überhaupt möglich sind.

Wenn wir als Coaches, Spirit-Lehrer*innen oder Podcaster*innen ernsthaft von Ethik, Bewusstsein und Liebe sprechen wollen, führt kein Weg an dieser einfachen, unbequemen Frage vorbei:

Wessen Realität, wessen Sicherheit, wessen Zukunft wird
durch meine „Neutralität“ gestärkt, und wessen nicht?

Desmond Tutu sagte einmal sinngemäß: Wer sich in einer Situation von Unrecht neutral verhält, hat die Seite der Unterdrückenden gewählt. Nicht aus Böswilligkeit, sondern durch Unterlassung.

Warum ist der Mythos “Neutralität” gerade in der spirituellen Szene so beliebt?

Hier möchte ich eine nützliche Differenzierung aus der Arbeit von Ken Wilber einbringen: die sogenannte Prä-Trans-Verwechslung. Auch wenn es zunächst wie trockene Theorie klingen mag, es erklärt vieles. Ich verspreche, wir kommen danach zum eigentlichen Thema zurück.

Wenn die Reifung unseres Bewusstseins natürlich verläuft, durchlaufen wir im Laufe unseres Lebens drei Entwicklungsphasen: prä-rational, rational, trans-rational. Hier eine sehr vereinfachte Beschreibung. Am Ende des Artikels wartet ein Buchtipp auf dich.

Prä-rational

Hier erlebt der Mensch sich selbst und die Welt noch nicht als klar voneinander getrennt. Innen- und Außenwelt fließen ineinander, subjektive Empfindungen werden unmittelbar auf die äußere Realität projiziert. Denken und Fühlen sind stark von Phantasie, Bildern und magischen Deutungen geprägt – so wie beim Kind, für das Wolken tatsächlich „weinen“ und Worte oder Gedanken unmittelbar Wirklichkeit erschaffen können.

Kausalität wird weniger logisch als symbolisch verstanden; Zusammenhänge erscheinen bedeutungsvoll, auch wenn sie keiner überprüfbaren Struktur folgen. Das Erleben ist dabei oft intensiv, lebendig und sinnlich, aber zugleich undifferenziert. Kritisches Hinterfragen, analytische Distanz und systematische Logik sind noch kaum ausgebildet.

Diese Phase ist eine notwendige und sinnvolle Entwicklungsstufe, da sie die Grundlage für Kreativität, Empathie und symbolisches Denken legt. Gleichzeitig fehlt die klare Unterscheidung zwischen innerer Erlebniswelt und äußerer Realität. Orientierung entsteht primär durch Emotionen, Impulse und unmittelbare Erfahrung, weniger durch reflektierte Einsicht oder überprüfbare Erkenntnis.

Rational

In der rationalen Entwicklungsphase beginnt der Mensch, sich selbst und die Welt klar voneinander zu unterscheiden. Die Fähigkeit zur Reflexion tritt in den Vordergrund: Gedanken können von Gefühlen getrennt, überprüft und bewusst gesteuert werden. Realität wird nicht mehr primär subjektiv erlebt, sondern zunehmend objektiv analysiert.

Logik, Kausalität und kritisches Denken gewinnen an Bedeutung.

Zusammenhänge werden nicht mehr magisch interpretiert, sondern nach überprüfbaren Prinzipien geordnet. Der Mensch lernt, Hypothesen zu bilden, Beweise zu prüfen und zwischen Meinung und Wissen zu unterscheiden. Sprache wird präziser, Begriffe differenzierter, Urteile nachvollziehbarer.

Diese Phase ermöglicht enorme Fortschritte in Wissenschaft, Technik und gesellschaftlicher Organisation. Sie schafft Klarheit, Struktur und Verlässlichkeit. Gleichzeitig bringt sie eine gewisse Distanz zum unmittelbaren Erleben mit sich: Emotionen werden häufig reguliert, relativiert oder auch untergeordnet.

Die rationale Ebene ist ein entscheidender Entwicklungsschritt, da sie Autonomie, Selbstverantwortung und kritische Urteilsfähigkeit fördert. Zugleich besteht die Gefahr, dass das Messbare überbewertet und das nicht eindeutig Erfassbare – wie Intuition, Verbundenheit oder existenzielle Tiefe – vorschnell ausgeblendet wird.

Trans-rational

Im trans‑rationalen Entwicklungszustand bleibt die klare Unterscheidung zwischen Innen- und Außenwelt erhalten, doch sie wird in einem weiteren Feld von Verbundenheit gehalten.

Der Mensch erkennt, dass seine Perspektive nur eine von vielen ist, und lernt, mehrere Sichtweisen gleichzeitig zu halten, ohne in Relativismus zu zerfallen.

Komplexität wird gut ausgehalten. Paradoxien müssen nicht mehr aufgelöst werden; sie können als Ausdruck einer tieferen Einheit ausgehalten und bejaht werden.

Das heisst nicht, dass wir den Verstand wieder abschalten. Rationales Denken bildet weiterhin eine solide Grundlage: Argumente werden geprüft, Evidenz wird respektiert, wissenschaftliche Erkenntnisse werden wertgeschätzt.

Gleichzeitig öffnet sich das Bewusstsein für Dimensionen, die sich nicht vollständig in Begriffe und Modelle pressen lassen – etwa mystische Erfahrung, intuitive Einsicht oder Momente radikaler Präsenz. Das Nicht‑Rationale ist hier nicht Rückfall in Magie, sondern Durchbruch in eine bewusst erlebte Tiefe, in der Denken, Fühlen, Körper und Gewahrsein als verschiedene Ausdrucksformen desselben Ganzen erfahren werden.

Auf dieser Ebene wird Vernunft nicht mehr als Gegner von Spiritualität, Sinn oder innerer Tiefe erlebt, sondern als deren Verbündete.

Die Welt erscheint weder als bloßes Objekt, das kontrolliert werden muss, noch als Bühne für Projektionen, sondern als lebendige Mit‑Wirklichkeit, an der wir bewusst teilhaben. Handeln entspringt weniger reiner Impulsivität oder bloßer Rationalität als einer integrierten Intelligenz, in der Klarheit, Mitgefühl und Verantwortung zusammenfinden.

Der trans‑rationale Zustand überschreitet damit sowohl die prä‑rationale Verschmelzung als auch die rein rationale Distanz. Er bewahrt die Errungenschaften des kritischen Denkens und öffnet zugleich einen Raum, in dem Stille, Staunen, Sinn und Nicht‑Wissen nicht als Bedrohung, sondern als natürliche Dimension eines reifen Bewusstseins erfahren werden.

Die prä‑transrationale Verwechslung

… bezeichnet die systematische Verwechslung von magisch‑mythischem Bewusstsein (prä‑rational) mit reifen spirituellen oder mystischen Zuständen (trans‑rational) – und umgekehrt. Ken Wilber beschreibt damit zwei typische Irrtümer:

  1. Ein rationaler Geist wertet alles Nicht‑Rationale pauschal als kindisch, irrational oder regressiv ab und wirft dabei prä‑rationale Magie und trans‑rationale Mystik in einen Topf. Echte trans‑rationale Einsichten erscheinen ihm dann wie bloßer Aberglaube.
  2. Umgekehrt idealisieren spirituell Suchende manchmal prä‑rationale Zustände (Verschmelzung, magisches Denken, unreife Emotionen) als „höheres Bewusstsein“ und verwechseln Regression mit Erleuchtung. Das führt dazu, dass notwendige rationale Entwicklungsschritte übersprungen oder abgewertet werden.

Viele Erwachsene, die einen starken prä‑rationalen Anteil in sich tragen, fühlen sich von Spiritualität angezogen, weil sie dort etwas wiederfinden, das in der nüchternen Rationalität der Alltagswelt keinen Platz zu haben scheint: Magie, Staunen, unmittelbare Bedeutsamkeit.

Spiritualität wirkt dann wie eine legitimierte Bühne für genau jene Formen von Denken und Fühlen, die in der rationalen Kultur oft als „unreif“ oder „kindisch“ abgewertet werden.

Wer seine innere Verschmelzungssehnsucht, seine Projektionsneigung oder sein Bedürfnis nach einfachen, tröstenden Erzählungen nicht wirklich durchdrungen hat, kann in spirituellen Kontexten leicht Resonanz finden – gerade dort, wo komplexe Lehren stark vereinfacht, Lehrer idealisiert und „Energie“ oder „Universum“ als neue magische Instanzen eingeführt werden. Spiritualität wird dann weniger als Weg der Reifung verstanden, sondern als Ort, an dem das eigene magische Weltbild weiterbestehen darf, nur mit neuen Begriffen.

Hinzu kommt: Menschen mit einem ausgeprägten prä‑rationalen Anteil leiden oft unter der Kälte, Fragmentierung und Sinnleere einer einseitig rationalen Kultur. Spiritualität verspricht Wärme, Zugehörigkeit, Sinn und Orientierung – Qualitäten, die das prä‑rationale Erleben kennt, aber nicht differenziert halten kann. Wenn jedoch die rationale Stufe nicht wirklich integriert ist, wird Spiritualität leicht zur Kompensation: Sie schützt vor Verunsicherung, statt die Ambivalenz, Komplexität und Verantwortung eines gereiften Bewusstseins zu vertiefen.

Was hat das mit gesellschaftspolitischer Positionierung zu tun

Menschen, die stark prä-rational denken und handeln, fühlen sich von einem idealisierten Konzept von „Neutralität“ angezogen, weil es ihnen erlaubt, die innere Verwirrung und Ambivalenz ihres emotional geprägten Weltbildes zu überdecken, ohne die Mühe einer wirklich rationalen Differenzierung auf sich zu nehmen – und genau deshalb haben sie auch Schwierigkeiten, politische Lager klar zu durchschauen, Machtstrukturen zu erkennen und zwischen berechtigter Kritik, Propaganda und komplexen Grauzonen zu unterscheiden.

Hier liegt ein Dilemma dieses Textes, und ich will ehrlich damit sein: Die hier beschriebenen Stufen sind kein Konstrukt, um Menschen zu bewerten. Sie beschreiben im Kern wissenschaftlich gut fundierte Entwicklungsebenen. Doch beim Schreiben merke ich immer wieder selbst, wie verführerisch dieses Modell ist. Es gibt auch meinem Verstand schnell das Gefühl, weiter zu sein… Genau da rutsche ich dann intellektuell in die Überhebung. Die Stufen ernst zu nehmen heißt für mich zuerst, sie auf mich selbst anzuwenden. Das heisst, zum Beispiel zu schauen, wo ich selbst aus meinem Schattenpotenzial heraus emotional re-agiere und andere in Schubladen stecke. Deshalb schreibe ich demnächst mal dazu einen Artikel, in dem ich diesen Selbsterforschungsprozess an Hand eines persönlichen Beispiels durchlaufe.

Wir denken und handeln alle manchmal prä-rational.
Das ist keine Aussage über unseren Wert als Mensch.

Es ist eine Einladung, uns bis zum letzten Atemzug weiterzuentwickeln, und dafür braucht es die Bereitschaft, den eigenen Wissensstand immer wieder infrage zu stellen und neue Perspektiven einzunehmen. Bist du dafür bereit?

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr gerade der psychospirituelle Dschungel dazu verführt, den Kopf auszuschalten und sich nur auf das „Bauchgefühl“ zu verlassen. Doch die Forschung ist da klar: Nachhaltige Entwicklung braucht nicht nur Einheitserfahrung und gute Gefühle, sondern auch einen klaren, nüchtern operierenden Verstand.

Der Mythos der „Neutralität“ ist auf der prärationalen Stufe meist eine Vermeidung von inneren und äußeren Konflikten. Er ist vor allem eines: bequem. Er lässt mich moralisch in einem guten Licht dastehen, und ich muss nicht wirklich über die langfristigen Folgen meiner Haltung nachdenken.

Klare Meinung spaltet nicht. Sie zeigt Unterschiede auf, die bereits da sind.

Der häufigste Vorwurf unter meinen Posts zu gesellschaftspolitischen Themen lautet »du spaltest«. Diese Kritik verdreht jedoch Ursache und Wirkung.

Eine klare Meinung kann nicht spalten. Sie kann höchstens Unterschiede in Denken und Werten sichtbar machen, die davor bereits da waren.

Es sind nicht Unterschiede oder Konflikte, die eine Beziehung schwächen. Sie gehören zu jedem lebendigen WIR dazu. Es ist der destruktive Umgang damit.

Dasselbe gilt für Demokratie. Sie basiert nicht auf falsch verstandener Toleranz oder Einheitsbrei. Sie lebt von vielen Stimmen, Interessen, Wahrheiten, die miteinander friedlich ringen. Bewusst ausgetragener Konflikt ist keine Gefahr, sondern das Funktionsprinzip von Demokratie. In diesem Sinne ist es absolut richtig, jedem Menschen in unserer Gesellschaft Meinungsfreiheit zu gewähren.

Das sollte uns jedoch nicht davon abhalten, sehr genau zu überlegen, welcher Meinung wir unsere Energie in Form von Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit schenken. Denn wir hören nicht nur passiv zu, wir nähren durch unsere Aufmerksamkeit bestimmte Ideen.

Ein konkretes Beispiel

Vor einigen Wochen hat eine Podcast-Folge des Formats »Ungeskriptet« von Ben Berndt in sozialen Medien für große Aufmerksamkeit gesorgt. In der betreffenden Episode spricht Ben rund viereinhalb Stunden mit Björn Höcke, in einer gemütlichen, ruhigen Gesprächsatmosphäre mit viel Zeit für ausführliche Antworten. In der Anmoderation beschreibt er sein Format als eine Art »Schweiz der Podcasts«, in der auch sehr kontroverse Positionen Platz finden.

Diese Formulierung stellt den Anspruch auf Neutralität in den Mittelpunkt. Viele Menschen haben das als mutigen Akt der Meinungsfreiheit gefeiert.

Um eines klarzustellen: Natürlich ist dieser Podcast durch die Meinungsfreiheit gedeckt, und eine demokratische Gesellschaft muss das aushalten. Doch es ist aus meiner Sicht weder mutig noch neutral. Natürlich beeinflusst es die Entwicklung in Deutschland und es ist hochgradig berechnend.

Ich war selbst vor zwei Jahren in diesem Podcast. Ben ist kein Idealist. Es war schon damals sein erklärtes Ziel, der „Joe Rogan“ Deutschlands zu werden. Dafür braucht er Klickzahlen, und dafür braucht er kontroverse Gäste und zugespitzte Schlagzeilen. Die Folge mit Höcke ist mit Abstand die erfolgreichste Episode seines Formats und wirkt sich entsprechend auf Abonnent*innen und Werbeerlöse aus.

Die Inszenierung als “unvoreingenommener” Gastgeber ist ein zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells. Neutralität ist hier keine bewusst eingenommene Werte-Haltung, sondern Marketing.

Und es ist verlogen. Wenn du mehrere Interviews auf diesem Kanal analysierst, wirst du feststellen, dass der Gastgeber bei anderen Gästen, die eher links und progressiv zu verordnen sind, sehr wohl kritisch nachhaken kann. In einem späteren Interview gab er auch zu, viele Grundideen der AfD als richtig zu empfinden.

Ich würde mich jederzeit mit einem Nazi auf einen Tee zusammensetzen und austauschen. Doch ich würde ihn nicht auf einer Party oder in meinem Podcast zu meinem Netzwerk sprechen lassen.

Aufmerksamkeit ist niemals neutral. Sie hat Macht.

Wir sollten sorgfältig wählen, wem wir sie schenken. Viele Wahlexperten gehen davon aus, dass die Unterstützung des Podcasters Joe Rogans mit entscheidend für die Wiederwahl Donald Trumps war. Sollte die AfD in den kommenden Landtagswahlen oder sogar der Bundestagswahl gewinnen, wird dieses „menschliche, neutrale“ Gespräch mit Höcke auch dazu beigetragen haben.

Höcke ist nicht einfach nur ein netter Mensch mit unbequemen Ansichten. Das ist keine Geschmacksfrage. Ein deutsches Gericht hat es 2019 ausdrücklich für zulässig erklärt, ihn einen Faschisten zu nennen, weil dieses Werturteil auf einer überprüfbaren Tatsachengrundlage beruht. Der Verfassungsschutz stufte den von ihm geprägten „Flügel“ als gesichert rechtsextrem ein. Er treibt eine politische Bewegung voran, die offen nach der Macht greift. Wer ihm ungefragt Raum, Zeit und eine große Bühne gibt, hilft ihr dabei.

Wer mit alldem sympathisiert, sollte sich wenigstens die Mühe machen, das Parteiprogramm der AfD und die zentralen Figuren dieser Partei genau anzuschauen. Nicht menschelnd, nicht gefühlig, sondern möglichst nüchtern, werteorientiert und mit ehrlichem Blick auf die Folgen.

Eine Zwischenanmerkung: Wenn du deine Werte wirklich bei Höcke und seinen Leuten aufgehoben siehst, dann sehen wir die Welt und die Lösung der anstehenden Aufgaben sehr verschieden. Das offen zu sagen, spaltet uns nicht, es benennt nur eine Kluft, die bereits da ist.

Aber ich schreibe diesen Text eher für die vielen, die aus Frust oder Angst mit dieser „Stimme des Volkes“ liebäugeln.

Wenn du zu ihnen gehörst, dann tu dir selbst einen Gefallen:

1. Überlege in Ruhe, in welcher Welt du morgen leben willst, und ob du wirklich glaubst, dass die AfD dich dorthin führt.

2. Investiere etwas Zeit und finde durch eigene Recherche heraus, aus welchen Denkschulen und Kulturkreisen führende AfD-Vertreter*innen kommen, und ob du ihnen tatsächlich die Macht über dieses Land anvertrauen möchtest.

3. Lies auf jeden Fall das Parteiprogramm und frag dich, was es konkret für dich, deine Liebsten und die Zukunft Deutschlands bedeuten würde.

Menschen mit geringem Einkommen wählen die AfD oft aus emotional verständlichen Gründen: Sie fühlen sich von den etablierten Parteien jahrzehntelang übergangen. Die SPD hat ihre Industriearbeiterbasis verloren. Die Union ist eine Partei der Besitzenden geworden. Die Grünen sind kulturell zu weit weg. Die Linke ist teils innerlich zerstritten.

Wer übrigbleibt und auf eine leider sehr clevere Art das Gefühl gibt, „ich sehe dich“, ist die AfD. Das ist eine Lücke, die die etablierten Parteien zu verantworten haben.

Aber: Eine Partei aus berechtigtem Frust zu wählen und dabei nicht zu beachten, wie sie dir materiell und strukturell schaden kann, schneidet ins eigene Fleisch.

Die Wut adressiert die richtigen Themen, aber die AfD ist nicht die Lösung dieser Themen.

Sie ist nur ein Versprechen, sich an denen zu rächen, die man für die Verursacher hält, während die strukturellen Probleme ungelöst bleiben oder sich verschlimmern. Das ist das, was in Ungarn, in Polen, in Italien, in den USA passiert ist. Es gibt keinen einzigen Fall, in dem eine rechtsautoritäre Regierung die materielle Lage der unteren Einkommensgruppen substanziell verbessert hätte. Es gibt viele Fälle, in denen sie sich verschlechtert hat, und in denen es sich kulturell und identitätspolitisch trotzdem vorübergehend besser anfühlte.

Das ist der eigentliche Tausch, der uns angeboten wird: kulturelle Anerkennung gegen materielle Substanz und langfristige Nachhaltigkeit.

Für viele Menschen ist das ein nachvollziehbarer Tausch, weil sie sich kulturell tatsächlich entwertet fühlen. Aber er geht langfristig gesehen nach hinten los.

Die kulturelle Anerkennung ist symbolisch und vorübergehend, der materielle, soziale und Bildungsverlust ist dauerhaft.

Du musst mir das nicht glauben, wenn du mich für zu woke oder voreingenommen hältst.

Prüfe es selbst. Gib deine konkrete Situation und das Programm der AfD in eine KI ein, frag nach einer 10-Jahres-Prognose für die Stärke Deutschlands in der Welt, deinen Wohlstand, deine Bildungschancen und das Klima, und gleiche das Ergebnis mit seriösen Quellen ab. Das wird dich hoffentlich nachdenklich stimmen.

Ich bin überzeugt, dass der Podcaster Ben und ein Teil seines Kernpublikums zu jener kleineren Gruppe gehören, die vom Wirtschaftsprogramm der AfD vermutlich profitieren würden. Der Witz ist, dass ich als Unternehmer wahrscheinlich auch Vorteile davon hätte. Doch ich werde meine Werte niemals aus ökonomischen Gründen kompromittieren.

Warum sich Geschichte wiederholen könnte

Ich werde manchmal gefragt, warum ich nicht einfach die Klappe halte und mich auf mein Kerngeschäft konzentriere. Nun, gerade weil ich mich ausgiebig mit menschlichem Bewusstsein und seiner Entwicklung beschäftige, weiß ich, dass sich Muster wiederholen, wenn sie nicht erkannt und erlöst werden.

Kollektiv bedeutet das, dass sich die Geschichte in Deutschland sehr wohl wiederholen könnte.

Wie 1930 bis 1932 erleben wir aktuell eine Mischung aus wirtschaftlichen Sorgen, Kulturkämpfen und einer Sehnsucht nach „starker Führung“, die in Umfragen sichtbar wird.

Aktuelle Bundestags-Sonntagsfragen zeigen eine sehr starke rechtsradikale Partei und geschwächte klassische Volksparteien, ein Muster, das an die Verschiebung der Kräfteverhältnisse Anfang der 1930er Jahre erinnert, als die NSDAP zur Massenpartei aufstieg und die Mitte schrumpfte.

Studien zeigen, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung zwar abstrakt an der Demokratie festhält, aber mit ihrem Funktionieren so unzufrieden ist, dass er antidemokratischen Parolen und Sündenbock-Erzählungen offener gegenübersteht als noch vor wenigen Jahren.

Gleichzeitig diffundieren rechtsextreme und menschenfeindliche Haltungen bis weit in die „Mitte“, während viele sich selbst weiterhin als unpolitisch oder neutral sehen, so wie damals, als alltägliche Indifferenz den Boden für die Radikalen bereitete, lange bevor sie an der Macht waren.

Diese Indifferenz zeigt sich heute in der Haltung, „von Politik genug zu haben“, nicht mehr wählen zu gehen oder Hassrhetorik als „nur Meinung“ durchzuwinken, genau jene Passivität, auf die demokratiefeindliche Kräfte angewiesen sind. Wenn dann noch die Sprache verroht, Gewaltfantasien gegenüber Minderheiten normaler werden und autoritäre „Lösungen“ als legitime Option im öffentlichen Diskurs stehen, verschieben sich die roten Linien immer weiter.

Wo Krisenangst, demokratische Müdigkeit und spirituell verklärte Neutralität zusammentreffen, entsteht erneut jener Raum, in dem sich Menschen daran gewöhnen, dass die Freiheit anderer verhandelbar ist, bis sie bemerken, dass es auch ihre eigene war.

Meine Hoffnung ist, dass wir im Vergleich zu damals doch mehr Menschen sind, die Demokratie, Freiheit und kulturelle Offenheit so stark schätzen, dass sie auch bereit sind, sie zu verteidigen.

Doch ich bin ehrlich. Im Augenblick schaue ich mit großer Sorge auf die Entwicklung.

Was mich stresst, sind nicht irgendwelche Podcaster*innen, die Nazis einladen, sondern die vielen wohlwollenden Kommentare darunter. Das macht mir Angst.

Aber ich hoffe, dass diese lauten Stimmen täuschen. Ich glaube, dass viele Menschen gerade einfach müde sind oder nicht fühlen, dass ihre Stimme zählt. Deshalb schweigen sie.

Doch gerade jetzt ist jede*r von uns wichtig.

Deshalb mache ich mein Maul auf und bringe mich ein.

Und dazu möchte ich auch dich ermutigen.

Moral Beauty

Es gibt einen Begriff, der mich tief berührt und inspiriert. Moral Beauty.

Moralische Schönheit ist keine abstrakte Idee, sondern eine konkrete Geste mit ethischer Leuchtkraft.

Sie wird genau in dem Moment freigesetzt, in dem ein Mensch bereit ist, seine Bequemlichkeit, seine Angst oder seinen Zynismus zu überwinden und sich für Wahrheit, Schutz und Würde anderer einzusetzen.

Sie zeigt sich nicht in Glückskeks-Sprüchen auf Instagram,…

… sondern in unserer Entscheidung, eine klare Grenze zu ziehen, wenn jemand entmenschlicht wird,

… in unserer Bereitschaft, uns unbeliebt zu machen, weil wir die eigene Stimme nicht länger aus dem Diskurs heraushalten können,

… in einer Geste der Solidarität und des Mitgefühls.

Unsere Zeit braucht weniger heile-heile Yoga Retreats, weniger charismatische Gurus oder Speaker*innen und dafür wesentlich mehr moralische Schönheit.

Coaches, Therapeut*innen, Lehrer*innen, Unternehmer*innen, die kein „Wir sind alle eins“-Konzept als Deckmantel für Neutralität benutzen, sondern die die darin verborgene Wahrheit als Verpflichtung ansehen, wirklich alle als eins zu behandeln und gerade den Schwachen, den Verwundbareren den Rücken zu stärken.

Moralische Schönheit bedeutet: Du gehst ins Risiko einer sichtbaren Positionierung. Nicht aus Hass, sondern aus Liebe zu einer Welt, die du deinen Kindern und denen deiner Nachbar*innen guten Gewissens überlassen kannst.

Wenn wir wollen, dass sich Geschichte nicht erneut auf jene dunkle Weise wiederholt, reicht es nicht aus, innerlich „für das Gute“ zu sein.

Moralische Schönheit leuchtet immer dort auf, wo Überzeugung Verhalten wird. Wo Menschen mit konkreten Handlungen für das Gute, Wahre und Schöne eintreten.

Da es auf diesem Planeten unmöglich ist, sich neutral zu verhalten, stell dich auf die richtige Seite. Bring moralische Schönheit in diese erschütterte und zerrissene Welt.

Was auch immer für ein Druck auf dich einwirkt, hüte den Funken der Menschlichkeit in dir.

In Liebe, Veit

PS. Zum Thema Aufmerksamkeit: Ich freue mich, wenn du den Artikel teilst.

Was du tun kannst

Vision: Setz dich in Ruhe hin und mal dir aus, in welcher Welt du in 10, 20, 30 Jahren leben willst, und prüf dann ehrlich, ob die Partei, die dich gerade emotional am stärksten anzieht, dich wirklich dorthin bringt.

Werte: Schreib deine wichtigsten Werte auf und notier zu jedem, was er KONKRET bedeutet und was du bereit bist, im Ernstfall für ihn zu opfern, denn ein Wert, der nichts kostet, ist nur eine Stimmung.

Denken: Misstrau deinem ersten Impuls. Wenn sich etwas richtig anfühlt, halt inne. Nimm dir Zeit. Denke nach. Übe dich im konstruktiv-kritischen Denken.

Aufmerksamkeit: Verschenk deine Aufmerksamkeit nicht an das, was du ablehnst, denn jedes Teilen und jeder empörte Kommentar macht es nur größer. Überlege, welchen Ideen und Menschen du deine Bühne schenkst.

Einstehen: Deine Stimme zählt! Auch wenn es sich manchmal gar nicht so anfühlt. Bezieh Position. Bring dich ein. Auch da, wo es dich etwas kostet, am Familientisch, im Team, in der Gruppe, in den sozialen Medien. Steh für Menschlichkeit ein. Kommunizier würdevoll. Mach den Mund auf, wenn ein einzelner Mensch oder eine ganze Gruppe entwürdigt werden.

Buchtipp zu Prä-/Trans-Verwechslung: „Integrale Spiritualität“ von Ken Wilber.

Über Veit

Veit Lindau gilt im deutschsprachigen Raum als führender Experte für eine integrale Potenzialentfaltung und erreicht mit seinen wachrüttelnden Vorträgen, Seminaren und Videos ein großes, sehr gemischtes Publikum. Das Credo seiner Arbeit lautet: “Du stirbst. Beginne zu leben.” Mit seinen Büchern, Seminaren und Ausbildungen erreicht er seit mehr als drei Jahrzehnten ein Millionenpublikum. Er ist EASC zertifizierter Lehrtrainer, Lehrcoach und Mastercoach. Für sein Buchwerk wurde er mit dem Coaching Award ausgezeichnet. Gemeinsam mit seiner Frau gründete er die Plattform für Potenzialentfaltung homodea.com

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