Das laute Schweigen

Die Epstein-Akten, Deepak Chopra und das Versagen der „Bewusstseinselite”

Seit Wochen werde ich gefragt: „Was sagst du zu Deepak Chopra?» Doch was mich wirklich erschüttert, sind nicht die Epstein-Akten – sondern die ohrenbetäubende Stille einer Szene, die sonst so gern über Licht, Schatten und Mut zur Wahrheit spricht. Dieser Text ist kein Urteil über einen Einzelnen. Er ist eine Einladung an uns alle, ehrlich in den Spiegel zu schauen.


Seit Wochen erreichen mich auf verschiedenen Kanälen Varianten derselben Frage: „Was meinst du zu Deepak Chopra?”

In diesen Fragen schwingt oft verständlicherweise Empörung mit, Enttäuschung, manchmal blanke Ratlosigkeit.

Wenn ich heute dazu schreibe, dann nicht, um einen einzelnen Menschen zu verurteilen. Sondern weil ich glaube, dass es Zeit für kollektive Hausaufgaben ist. Auch – und vielleicht besonders – in der psychospirituellen Szene*, in der ich seit Jahren arbeite.

Bist du bereit, mit mir gemeinsam ehrlich in den Spiegel zu schauen?

(* Die psychospirituelle Szene umfasst für mich das breite Feld von Coaches, Autorinnen, Therapeutinnen und Lehrer*innen und ihren Klient*innen und Schüler*innen, die innere Arbeit – von Meditation über Schattenarbeit bis zu Bewusstseinsentwicklung – mit dem Anspruch verbinden, sich selbst zu verwirklichen. Dazu gehören Strömungen aus humanistischer Psychologie, transpersonaler Therapie, Yoga, Achtsamkeit, integraler Theorie und moderner Spiritualität – ein Spektrum, das von evidenzbasiert bis esoterisch reicht.)


Was der Epstein-Skandal für mich wirklich bedeutet

Ich habe mir bewusst viele der Epstein-Akten reingezogen. Nicht aus Sensationsgier, sondern weil ich zutiefst ahne, dass mich das etwas angeht. Es ist nicht ein Ausrutscher. Es ist ein krasses Spiegelbild der Welt, in der ich lebe. Die ich nicht nur passiv betrachte, sondern aktiv mitgestalte.

Mir ist übel geworden. Was ich da gelesen habe, hat mich zutiefst erschüttert. Natürlich auch wegen der zahlreichen, fürchterlichen Vorfälle von Missbrauch. Doch fast noch mehr wegen des Tons. Wegen der skrupellosen Leichtigkeit, der objektivierenden Empathielosigkeit, mit der Männer, viele Männer über Mädchen schreiben. Und ja, zum Beispiel auch ein Mann wie Deepak Chopra – der vor Millionen Menschen über Bewusstsein, Heilung und das göttliche Weibliche spricht – und hier in Mails mit einem verurteilten Sexualstraftäter über „cute girls” scherzt.

Ich könnte k*tzen.

Chopras bisherige öffentliche Entschuldigungen sind erbärmlich. Sie zeigen keine ernsthafte Reue, sondern riechen nach aalglattem Aussitzen und Schadensbegrenzung.

Es ist scheinbar absurd. Chopra hat in seinen eigenen Büchern die exakten Bedingungen beschrieben, unter denen solche Schattenenergien freigesetzt werden: wenn Verantwortung abgegeben wird, wenn passive Zuschauer existieren, wenn Rechenschaft fehlt – und wenn daraus eine implizite Erlaubnis entsteht, Schaden anzurichten.

Er hat den Mechanismus beschrieben. Und er ist offenbar selbst in seine Falle getappt.

Ich bin nicht hier, um über ihn zu richten. Das ist sein Karma. Ich wünsche ihm den Mut und die Demut, sich seinem Schatten ehrlich, klar und öffentlich zu stellen – selbst wenn dadurch sein Lebenswerk kollabiert.

Doch wir reden hier nicht von ein paar kranken Männern. Wir sehen die Spitze eines Eisbergs eines durch und durch kranken Systems.

Ich schreibe diesen Text also nicht, um mich an Chopra abzuarbeiten, sondern um dich und mich einzuladen, unsere eigenen Hausaufgaben zu machen. Und egal, für wie liebevoll und unschuldig du dich hältst – auch du hast etwas damit zu tun. Sei es durch Schweigen.


Die Stille, die lauter ist als jeder Skandal

Was mich in den vergangenen Wochen viel mehr bewegt hat als die Akten selbst, ist etwas anderes.

Die Stille.

Die ohrenbetäubende Stille einer Szene, die das Wort Bewusstsein in jedem Post, in Büchern und Seminaren vollmundig breitkaut. Die so gern über Licht und Schatten spricht, über Integrität, Liebe und den Mut zur Wahrheit.

Und die, wenn es darauf ankommt – bis auf wenige Ausnahmen – ganz offenbar lieber schweigt.

Stell dir das vor. Tausende von Autorinnen, Coaches, Lehrerinnen, die dir in ihren Büchern und auf ihren Bühnen erklären, wie wichtig es ist, aufzustehen, seinem Ruf zu folgen, ein wahrer, aufrechter Mensch zu sein.

Und die jetzt die Klappe halten.

Nein, dieses Verhalten ist NICHT NEUTRAL. Es ist auch NICHT ERLEUCHTET.

Lissa Rankin, Ärztin und Autorin, die seit Jahren den Schneid hat, die Schattenseiten der Wellness-Industrie zu benennen, hat es auf den Punkt gebracht:

Schweigen ermöglicht die Täter und verrät die Opfer.

Ich beobachte diese Stille seit Jahren. Das erste Mal ist sie mir während Covid aufgefallen. Ich folge aus Neugier einigen internationalen und nationalen Größen der Szene. Ich versuche in ihren Newslettern herauszulesen, was sie bewegt – zu den großen Feuern unserer Zeit. Rassismus, das Erstarken von Rechts, Polarisierung, Klima, KI und jetzt Epstein. Und was lese ich oder höre ich darüber? Nichts!

In den Mails dreht es sich weiter munter um Reichtum, Manifestieren, Göttlichkeit, Speaker werden, Energie anheben, Kakaozeremonien … Es scheint, als fände diese Arbeit in einer anderen Realität statt. Wie Kinder, die weiter spielen, obwohl das Haus, in dem sie spielen, brennt.

Es ist das Privileg meist weißer, in sicheren Bubbles lebender Menschen,
wegzuschauen und die Nachrichten, die an unsere Tür klopfen, zu überhören.

Doch müssten wir, die wir selbstbewusst von Bewusstsein, Erwachen, Einheit reden, nicht die Ersten sein, die die Wunde öffentlich adressieren?

Ist es nicht die heilige Pflicht von Bewusstseinspionier*innen, ihre Erkenntnisse auf den Marktplatz der lauten und dreckigen Welt zu tragen? Brücken zu bauen zwischen inneren Erkenntnissen und weltlichen Missständen?

Ich bin zu dem auch für mich schmerzhaften Schluss gekommen: Unsere psychospirituelle Szene hat bis jetzt, in den Momenten, in denen es darauf ankommt, in großen Teilen versagt.

Wenn wir es je ernst gemeint haben mit unseren Inhalten, dann ist dies die höchste Zeit, den Bullshit vom Wahren zu trennen und wirklich integral zu reifen.

Ich schreibe nicht als Zuschauer. Ich sitze selbst in diesem Glashaus, das kaputt gehen muss. Ich schreibe nicht aus Überhebung, sondern aus dem Schlamm meiner eigenen Aufarbeitung der letzten Jahre.

Warum sind wir hier gelandet?


1. Das aufrichtige Missverständnis

Es gibt einen Mythos, der wie ein lähmendes Gift durch die Szene zieht. Er lautet ungefähr so:

“Wenn ich an mir und meinem Bewusstsein arbeite,
verändert sich automatisch auch die Welt.”

Ich nenne das ein aufrichtiges Missverständnis. Denn ich glaube, dass die meisten von uns, die damit anfangen, das aufrichtig glauben. Bewusstseinsarbeit ist essenziell. Ohne innere Arbeit gibt es keinen nachhaltigen äußeren Wandel. Und so manchen Aktivist*innen wünsche ich etwas mehr innere Arbeit.

Aber diese Perspektive birgt einen riesigen Blindspot.

Das sogenannte Außen existiert nicht getrennt von uns.
Es ist eine andere, genauso wichtige Dimension unseres Seins.
Irgendwann müssen wir auch hier mit unserem Bewusstsein auftauchen.

Wir müssen den ultimativen Realitätstest antreten und das, was wir auf unseren inneren Reisen erfahren haben, in die Welt bringen.
In unsere Ehe, die seit Jahren nur noch oberflächlich läuft. In die Schulen unserer Kinder. In die sozialen Medien. In die Politik. In die Wirtschaft.

IN ALL DIE ABGEF*CKTEN PATRIARCHALEN SYSTEME.

IN DEN DRECK.

Dieses Auftauchen und Engagieren in der Welt ist so viel mühsamer, konfrontierender als unsere seelischen Orgasmen, wenn wir uns am Wochenende in unserer kleinen rosa Bubble treffen.

John Welwood hat dafür den Begriff Spiritual Bypassing geprägt: die Verwendung spiritueller Praxis, um unbequemen Gefühlen, ungelösten Wunden und den Anforderungen der realen Welt auszuweichen. Was bei Chopra sichtbar wird, ist nicht das Versagen eines Einzelnen – es ist das Endprodukt einer Kultur, die das Sprechen über Schatten mit der Arbeit am Schatten verwechselt. Die Millionen Bücher über Bewusstsein schreibt, ohne sich konsequent der Verkörperung hinzugeben.

Verkörperung bedeutet, mit unserem Wissen und unseren Werten in unserem Charakter, unseren Beziehungen, unserer Gesellschaft zu inkarnieren. Viele Spiris sind noch nie wirklich auf diesem Planeten angekommen und wollen es auch gar nicht.

Bewusstseinsarbeit ohne intersubjektive und systemische Konsequenz ist Selbstbetrug.


2. Das Geschäftsmodell der unterkomplexen Gemütlichkeit

Wenn sich Menschen oder ganze Szenen nicht zu systemischen Missständen äußern, können wir davon ausgehen, dass sie vom Status quo profitieren.

Warum schweigt die Szene? Weil sich Schweigen rechnet.

Die Coaching-, Wellness- und Spiritualitätsindustrie ist ein Milliardengeschäft. Ihr Geschäftsmodell basiert darauf, dass Menschen sich gut und bequem fühlen – nicht darauf, dass sie ehrlich und nachhaltig reifen. Deshalb verkauft sie angenehme, unterkomplexe, tröstende, leicht zu verdauende Lösungen.

Ehrlichkeit, Komplexität, Schmerz? Schlecht fürs Geschäft.

Viele Stilblüten unserer Szene können nur in privilegierten Komfortzonen gedeihen.

Das Publikum der westlichen, spirituellen Flachlandszene (der so passende Begriff stammt von Ken Wilber) will horizontal – auf der Ebene seiner Erwartungen – unterhalten und milde gefordert werden.

Es ist nicht daran interessiert, vertikal erschüttert und radikal herausgefordert zu werden. Also liefern die Gurus, Wellnesstrainer*innen, Coaches … das, was nach Transformation klingt, aber tatsächlich nur Translation (Optimierung auf der gewohnten Ebene) bringt. Sie schweigen, bewusst oder unbewusst, zu den Themen, die unweigerlich echtes Unbehagen, Ambiguität und Ohnmacht hervorrufen könnten.

Ich verstehe das. Wir haben mit unserer Company selbst einen Teil unseres Publikums verloren, als wir uns in Covid-Zeiten klar positionierten, den nächsten, als wir Rassismus und Feminismus ansprachen, wieder den nächsten, als wir unseren Leuten zumuteten, sich mit ihrem Schatten auseinanderzusetzen …

Wahrheit verkauft sich nicht. Wahrheit tut manchmal f*cking weh.

Eine provokante Frage: Kann es sein, dass bestimmte Aspekte unserer Szene die postmoderne Neuauflage von Brot und Spielen sind?

Funktionieren unsere Seminare in unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft ähnlich wie panem et circenses im Römischen Reich? Als ein Ventil, das den Druck abbaut und uns gut fühlen lässt, ohne je das System – das viele unserer Workshops erst notwendig macht – infrage zu stellen?


3. Die prä-trans-Verwechslung

Das klingt vielleicht, wenn du es das erste Mal hörst, theoretisch, ist aber eigentlich etwas sehr Menschliches.

Ken Wilber beschreibt mit der prä-trans-Verwechslung, wie wir prä-rationale Zustände (kindliches Verschmelzen, fehlende Grenzen) mit trans-rationalen verwechseln (echte Transzendenz, die das Ego einschließt und übersteigt). Gerade in ihrer Kindheit sehr verletzte Seelen sind anfällig für tröstende und erhebende Phrasen und Konzepte.

Wie schön wäre es, wenn wir all unseren Schmerz, unsere Traumata und unsere Unvollkommenheit einfach weg-erleuchten könnten?

Doch wer nie ein stabiles, kritisches Ego entwickelt hat (und dafür braucht es Konflikt, Reibung, Widerstand), kann das Ego gar nicht transzendieren. Doch er wird so tun und es letztendlich selbst glauben.

Guru und Jünger bestätigen sich in einem Spiegel-Loop, dass sie bereits im Licht gelandet sind.

Wenn wir entsetzt auf Chopra schauen, sollten wir uns fragen: Wo kultivieren wir selbst Pseudo-Lichtgestalten, indem wir sie auf den Sockel unserer blinden Bewunderung stellen? Und wo verschleppen wir unsere eigene Entwicklung, weil wir glauben, das kleine, unerlöste, narzisstisch verletzte *rschloch wegmeditiert zu haben?

Mir persönlich ist ein ehrliches, menschliches *rschloch lieber als ein pseudoerleuchtetes.


4. Schattenverleugnung

Begeistert über Schattenarbeit zu sprechen ist nicht dasselbe, wie Schattenarbeit tun.

Chopra hat in vielen seiner Bücher den Schatten beschrieben. Wir können daraus lernen: Unser Wissen über den Schatten integriert noch lange nicht unseren Schatten. Nur unsere Bereitschaft, uns ihm immer wieder – bis zum letzten Atemzug – in wachen, echten Beziehungen zu stellen, bringt ihn nach Hause. Dies ist ein mühsamer, verletzlicher, kleinlauter Weg. Und niemals vollendet. Der Schatten ist genau wie unser Licht unendlich.

Misstraue allen lauten Lichtarbeiter*innen. Wer viel über Licht reden muss, hat sehr wahrscheinlich einen mächtigen Schatten im Keller seiner Psyche eingesperrt.

Wenn wir uns jetzt in Empörung über die Epstein Files suhlen, lenkt dies von zwei relevanten Perspektiven ab:

Was ist mein persönlicher Schatten in dem ganzen Drama?

Und welcher riesige, kollektive Schatten des Systems kommt hier endlich an die Oberfläche und muss von uns allen adressiert und besprochen werden?


5. Die Verantwortung derer, die Reichweite haben

Aus systemischer Sicht sind in jedem lebendigen Netzwerk die Elemente die mächtigsten, die über Autorität, Macht und/oder Reichweite verfügen.

Auch wenn mein Text, wenn du ihn nur liest, wütend klingen mag – eigentlich begreife ich ihn eher als eine sportliche Herausforderung an alle Menschen mit Reichweite. (Und wenn dir zehn Menschen auf Instagram folgen oder du einen Freund hast, hast du Reichweite.)

Können wir die Verantwortung, die uns anvertraut wurde, ehrlicher und wirksamer nutzen?

Viele der bekanntesten Namen in der psychospirituellen Szene verfügen über Netzwerke, mit denen sie zusammen Hunderte Millionen Menschen erreichen. Menschen, die ihnen vertrauen, die ihnen zuhören, die ihre Bücher kaufen und ihre Seminare besuchen. Das heißt, sie verfügen auf jeden Fall über Reichweite und Autorität.

Diese Power nicht zu nutzen, um echte Aufklärungsarbeit zu leisten – das ist keine Neutralität. Das ist eine aktive Entscheidung. Mit konkreten Konsequenzen. Es verschont unser Publikum mit unangenehmen Fragen und erzeugt nicht mehr zeitgemäße Vorbilder.

Am 24. Januar 2026 wurde in Minneapolis, Minnesota, der Krankenpfleger Alex Pretti bei einem Einsatz von ICE-Beamten erschossen. Wenn international beliebte und bekannte Größen unserer Szene dazu schweigen, sich aber am selben Abend lachend, im Smoking, an der Seite von Erica Kirk, bei der Preview des „Dokumentarfilms” über Melania Trump im Weißen Haus ablichten lassen – was soll ich als Fan oder Schüler*in dieser Menschen daraus schließen???

Nichts ist getrennt voneinander. Alles hängt miteinander zusammen.

Wenn so gut wie niemand der Größen, die sich mit Bewusstseinsarbeit und Psychologie beschäftigen, die Diskussion über die Epstein Files in ihr Publikum trägt, verpassen wir eine kostbare Chance, miteinander zu reifen.

Im besten Fall sind wir naiv, wenn wir schweigen. Aber vielleicht sind wir auch feige oder sogar berechnend. Denn ja, wir werden „Anhänger*innen” und Erfolg verlieren, wenn wir uns positionieren.

Es geht schon lange nicht mehr um politische Positionierung – “wer in welchem Lager”.
Es geht um Anstand und um humane Werte und die Frage,
ob wir bereit sind, auch unter Druck für sie einzutreten.

Was das mit dir zu tun hat

Es ist einfach, mit dem Finger auf Chopra zu zeigen. Auf die „anderen”. Es ist ungleich anstrengender, aber langfristig erfüllender, das alles persönlich zu nehmen und nach deinem Schatten, nach deiner nächsten Reifungsaufgabe zu suchen.

Was ist der Beitrag zur Heilung der Menschheit, den du geben kannst?

Wo weichst du noch aus? Einem Thema, einem Gefühl, einer Konfrontation?

Wo verpackst du Bequemlichkeit in spirituelle Sprache?

Wo schweigst du, obwohl du sprechen solltest?

Welche deiner Gaben und Erfahrungen werden in dieser entscheidenden Stunde der Menschheit gebraucht?

Um ein esoterisches Konzept zu strapazieren: Ja, die Welt da draußen ist wirklich unser Spiegel. Das heißt nicht, dass jede*r von uns ein Epstein-Monster in sich trägt. Doch irgendwo tragen wir alle zum Fortbestehen dieser alten Welt bei. Oft einfach nur, indem wir schweigen.


Auch ich bin betroffen

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich blame hier nicht. Ich bin genauso betroffen. Ich bin selbst seit Covid dabei, mein Selbstverständnis und das meiner Arbeit zu hinterfragen, mich zu dehnen und noch konsequenter auszudrücken.

Ich muss mich selbst mit meinem Schatten, meinen rassistischen Anteilen, meinem Dünkel, meiner Lichtgeilheit auseinandersetzen. Nicht nur einmal. Immer wieder. Das ist manchmal peinlich, doch vor allem befreiend.

Mich bewegen die hier aufgeworfenen Fragen jeden Tag, und ich habe oft noch keine Antworten.

Ich erlebe gemeinsam mit meiner Frau auch, was es finanziell kostet, sich anspruchsvoller und unbequemer zu positionieren, und wie einsam es manchmal machen kann.

Ich wünsche mir mehr Weggefährt*innen – sowohl auf Anbieter- als auch Klient*innen-Seite –, die sich der Spannung, der Ambiguität unserer Zeit gemeinsam stellen. Die den Mut aufbringen, alles, was alt und unecht ist – in unserer persönlichen und gesellschaftlichen Software – freiwillig sterben zu lassen und neugierig und staunend die neue Software zu gebären.

Die Epstein-Akten zum Beispiel könnten der Beginn eines der wichtigsten gesellschaftlichen, aber auch spirituellen Gespräche unserer Zeit sein. Nicht ein Gespräch über Epstein oder über Chopra.

Ein Gespräch über die patriarchale Matrix. Über uns. Über Männer und Frauen.
Über Macht und Ignoranz. Über eine Welt, die sterben muss. Und über die Welt, die wir stattdessen bauen wollen.

Wird sich die Szene abschaffen oder läutern?

Ich glaube nicht, dass die psychospirituelle Szene am Ende ist.

In all der Suche und Sehnsucht war und ist viel Wahres, Gutes und Schönes. Viele der Ansätze, Methoden und Rituale, die wir seit den Anfängen der humanistischen Psychologie gefunden und gefeiert haben, sind wertvolle Puzzleteile. Nur müssen wir sie in einem größeren, integralen Bild neu zusammensetzen.

Wie ein Kind irgendwann erwachsen werden muss, muss auch unsere Szene reifen, wenn wir nicht in tragikomischer Bedeutungslosigkeit versinken wollen.

Was das bedeutet, entscheiden wir alle. Nicht die Gurus, nicht die „Stars” der Szene.
Wir. Jede*r Einzelne. Du und ich.

Eine erwachsene Spiritualität braucht drei Dinge:
Den Mut zum Aufwachen – zur Meditation, zur Stille, zum Bewusstsein.
Den Mut zum Erwachsenwerden – zur Schattenarbeit, zur Therapie, zur ehrlichen Auseinandersetzung mit den eigenen blinden Flecken.
Und den Mut zum Auftauchen in der Welt – zur politischen Haltung, zum Unbequem-Sein, wenn es darauf ankommt.

Wake Up. Grow Up. Clean Up. Show Up.

Nicht als nette Idee für ein Seminar, sondern als tägliche Haltung auf der dreckigen, profanen Übungsmatte unseres Alltags.

In meinem Buch „Stunde der Wahrheit” schreibe ich unter anderem darüber, dass dieses kommende Jahrzehnt entscheidend ist für unsere Zukunft als Spezies. Noch nie waren so mächtige Hebel am Wirken. Und noch nie ist uns der kollektive Schatten so um die Ohren geflogen.

Dies könnte auch eine wahrhaft aufregende, befreiende Zeit sein – denn die gute Nachricht ist: All das, was in den alten Schriften über die majestätische Größe und Freiheit unserer Seele steht, ist wahr.

Wir müssen nur anfangen, es endlich zu leben.

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