Ode an die Ohnmacht

Dein Wöchentlicher Brief von Veit Lindau

Weil dein Leben kostbar ist.

Warum wir Ohnmacht so sehr fürchten und was sie uns schenken kann, wenn wir den Mut finden, zuzugeben: Ich weiß nicht weiter.

Dieser Text lädt dich ein, auf eine sanfte Weise mutig zu sein und dich für eine Erfahrung zu öffnen, die wir alle vielleicht am stärksten fürchten: Ohnmacht.

Auch wenn du gerade auf der Gewinnerseite des Lebens stehst, lies ihn dennoch. Denn ich glaube, dass es auch auf der kollektiven Ebene Zeit für eine bewusste Umarmung der Erfahrung von Ohnmacht ist.

Wann warst du das letzte Mal am Ende deines Lateins und wie hast du darauf reagiert?

Welche Beziehung hast du zu der Erfahrung von Ohnmacht?

Und wann hast du dich ihr das letzte Mal bewusst und freiwillig hingegeben?

Wenn ich mich in diesen Tagen umhöre – in Gesprächen mit meinen Mitmenschen, in den sozialen Medien oder den Nachrichten –, scheint mir, dass viele von uns, wenn wir ehrlich mit uns sind, in entscheidenden Lebensbereichen nicht wirklich weiterwissen.

Wenn du zum Beispiel einen Menschen, der dir wirklich wichtig ist, an einem entscheidenden Punkt einfach nicht erreichst.

Wenn du dein Business über alle Maßen liebst, aber mit dem, was du zu geben hast, in dieser lauten Welt kaum durchdringst.

Wenn du siehst, dass dein Kind leidet, und du ihm seinen Schmerz nicht abnehmen kannst.

Wenn du dich nach Nähe sehnst und nicht weißt, wie ihr einander nach all den gemeinsamen Jahren wiederfinden könnt.

Wenn du längst verstanden hast, was dir guttun würde, und trotzdem immer wieder in dieselben alten Muster fällst.

Wenn ein geliebter Mensch krank wird und all dein Wissen, deine Liebe und dein guter Wille nicht ausreichen, um ihn gesund zu machen.

Wenn du die Nachrichten siehst und dich fragst, was du als einzelner Mensch diesem Wahnsinn überhaupt entgegensetzen kannst.
…

Wir kompensieren diesen höchst unangenehmen Zustand gern durch Klugscheißerei (wir tun so, als ob wir es wüssten), Aktionismus (noch mehr, noch angestrengter handeln), Ablenkung oder Empörung über „die anderen“ (die es auch nicht wissen).

Für viele Menschen ist unsere Welt zu komplex, zu schnell geworden. Sie fühlen sich überfordert.

Ich glaube, wir stehen auch als Menschheit gemeinsam an einem Punkt, an dem wir uns etwas eingestehen müssten, was kaum jemand gern laut ausspricht:

Wir wissen nicht wirklich, wie wir die großen Herausforderungen und Spannungen unserer Zeit lösen können. Ja, wir haben Wissen, Ideen, Technologien … Doch einen verlässlichen Plan, wie das alles zusammenwirkt und wie wir da gemeinsam gut durchkommen? Den höre und sehe ich (noch) nicht.

Mich überzeugen weder größenwahnsinnige Tech-Milliardär:innen noch populistische Politiker:innen, überhitzte Aktivist:innen oder verblitzte Spiri-Gurus.

Können wir so mutig und demütig sein, gemeinsam tief durchzuatmen und ehrlich zuzugeben, dass wir es alle gerade nicht wissen?

Dass wir an vielen Stellen die Kontrolle über unsere Systeme (Kapitalismus, Gesundheitssystem, Bildung, Gemeinschaft, Familien …) verloren haben, selbst wenn sie irgendwie noch funktionieren und dabei schon auf dem letzten Loch pfeifen.

Wahrscheinlich hatten wir nie die Kontrolle in dem Maß, wie wir es uns eingeredet haben. Und jetzt fliegt uns diese Illusion um die Ohren.

Wir fühlen doch alle Stress, Erschöpfung, Ratlosigkeit. Doch noch krallen wir uns an unsere kleinen Hoffnungsanker:
„Wenn sich die Regierenden endlich einkriegen …“
„Wenn die andere Seite es doch endlich versteht …“
„Wenn alles wieder ruhiger und normal wird …“
„Wenn KI reguliert wird …“
„Wenn KI alle unsere Probleme löst …“
„Wenn wir endlich erleuchtet sind …“
„Wenn, wenn, wenn …“

Vielleicht liege ich falsch. Kann sein, es beruhigt und entschleunigt sich ja wirklich alles wieder.

Vermutlich ist dies aber auch der Zeitpunkt in unserer persönlichen und der kollektiven Held:innenreise, innerlich auf die Knie zu gehen und zuzugeben, dass wir nicht alles wissen.

Dass wir uns verrannt haben und eine echte, tiefgreifende Erneuerung – innen und außen – brauchen.

Das mag nicht heroisch klingen. Doch ich glaube, es ist mutiger und weiser, als einfach immer mehr desselben zu tun und eine signifikant andere Lösung zu erhoffen.

Ohnmacht ist ein stummer und zugleich mächtiger Drache, den unser Ego nicht besiegen kann und deshalb unter allen Umständen vermeiden möchte.

In der archetypischen Held:innenreise wird dieser Moment als Abstieg in die Höhle beschrieben. Die Held:innen sind erschöpft. Sie können nicht mehr. Alle ihre inneren und äußeren Ressourcen sind aufgebraucht.

Es ist verständlich, dass wir diesen Moment fürchten und hassen und am liebsten für immer umgehen möchten.

Doch wenn du auf die wirklich existenziellen Krisen deines Lebens zurückschaust, wirst du mir wahrscheinlich zustimmen, wenn ich sage:

Erst hier, am tiefsten Punkt unseres Scheiterns, setzt wahre, radikale Transformation ein.

Unser altes, kleines, begrenztes ICH muss sterben, damit wir in einer wirklich neuen, größeren, weiseren Version wiedergeboren werden können.

Indem wir unseren Geist vollständig ins Nichtwissen entspannen, öffnet er sich für echte Inspiration und Verwandlung.

Ohnmacht ist nicht unsere Gegnerin. Sie ist eine heilsame und befreiende Schwelle ins Unbekannte. Ein höchst kreativer Ort der Inkubation.

Auch mein Ego hasst den Moment vollständiger Ohnmacht.
Obwohl ich solche Momente mehrfach erfahren habe und weiß, dass sie niemals das Ende sind, versuche ich immer noch, sie instinkthaft zu vermeiden: mit einer tröstenden Vision, einer noch effektiveren Strategie, mit Tapferkeit und zähem Durchhalten.

Ich war ein zartes und verträumtes Kind. Ich habe gern geträumt und gestaunt. Doch ich bin, wie viele von uns, früh für Leistung belohnt worden. Ich habe gelernt, der Beste zu sein, und mir das Selbstbild eines Machers und Visionärs zugelegt. Ich weiß, wie ich in Extremsituationen innerlich umschalten kann, um den Schmerz nicht zu spüren und die Extrameile zu gehen. Damit bin ich relativ weit gekommen.

Man könnte sagen: Weltlich gesehen hat dieses „Power-Ich“ sehr gut funktioniert. Ich respektiere seine Qualitäten. Es ist ein nützlicher Teil, und doch steht es mir im Weg, wenn es um meine wahre Identität und die wesentlichen Fragen des Lebens geht.

Wenn wir wissen wollen, wer wir wirklich sind, werden wir irgendwann der Schwelle der Ohnmacht begegnen.

In Biografien berühmter Menschen klingt das oft glorreich: „Das Leben nahm mir alles und schenkte mir dafür eine zweite Geburt.“ Beim Lesen klingt das so cool, dass wir denken: „Oh, ich auch!“

Doch es sind dann eben meist keine hollywoodreifen Szenen, wenn es uns selbst erwischt. Es ist der erbärmliche Liebeskummer, weil uns das narzisstische Arschloch jetzt auch noch verlassen hat. Der Burnout, der uns zwingt, aus dem Rennen auszusteigen. Der Bankrott deiner Firma, in die du all deine Träume und dein Geld investiert hast.

Es ist dieser niederschmetternde Moment, in dem du anerkennen musst, dass alles, was du bisher verstanden und gelernt hast, dich nicht über diese unsichtbare Schwelle tragen wird.

Ohnmacht ist der Nullpunkt des Egos.

Nichts hasst unser Ego mehr als Ohnmacht. Warum? Weil sie seine drei Grundpfeiler infrage stellt: Trennung, Wissen, Kontrolle.

Wir glauben, wir seien getrennt. Von unseren Mitmenschen. Von der Natur. Vom Universum. Aus dieser tiefen, oft nonverbalen Überzeugung erwächst eine unbewusste, aber existenzielle Angst.

Wir glauben, wir wüssten Bescheid. Wir verwechseln das Ansammeln von Informationen und Konzepten mit echtem Wissen. Das sorgt, wenn wir gerade obenauf schwimmen, für Arroganz. Wenn es uns dreckig geht, für Scham.

Wir glauben, wir hätten die Kontrolle. Und wenn das Leben sich nicht an unsere Pläne hält, schlagen wir wild um uns oder geben anderen die Schuld, anstatt anzuerkennen, dass es nie ganz in unserer Hand lag.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich empfinde große Wertschätzung für unser Ego. Es ist ein äußerst praktisches Meisterwerk unseres Bewusstseins. Eine komplexe Komposition von Denk-, Fühl- und Verhaltensmustern, die uns durch ein verwirrendes, multidimensionales Universum navigiert.

Unser Ego ist die Start- und Landebahn für all unsere Erfahrungen.
Aber es hat deutliche Begrenzungen.

Seine Software ruht auf diesen drei Grundannahmen:

„Ich bin getrennt. Ich weiß Bescheid. Ich habe die Kontrolle.“

Kein Wunder, dass Ohnmacht für unser Ego die schlimmste Demütigung ist: ein Moment, in dem unser Wissen kapituliert, unsere Kontrolle versagt und wir nur weiterkommen, wenn wir die Illusion der Trennung loslassen. Für unser Ego fühlt sich das wie der Tod an.

Doch die gute Nachricht ist: Wir sind nicht unser Ego.

Während unser kleines Ich auf der Bühne leidet, liebt, gewinnt und scheitert, schaut etwas anderes die ganze Zeit still zu. Dein Ich liest jetzt gerade diese Zeilen und gleicht die Informationen mit seinem Wissen ab. Gleichzeitig schaut etwas anderes still, staunend und lauschend zu.
Kannst du auch DAS wahrnehmen?

DAS, was jetzt gerade still ist.

DAS, was nie gealtert ist und unverletzbar ist?

Du kannst diese tiefere Essenz deines Wesens nicht sehen, benennen, festhalten.
Doch wenn du jetzt einmal in Gedanken alles abziehst, was du glaubst zu sein – Name, Besitz, Alter, Rollen, deine Geschichte … –, bleibt immer noch etwas übrig, stimmt’s?

Ein einfaches, gegenwärtiges ICH BIN.

Für mich liegt darin das größte Geschenk in der Ohnmacht: zu erfahren, dass wir mehr sind als das Ich, das gerade nicht weiterweiß. Dass mit dem Zusammenbruch unseres Selbstbildes nicht alles zerstört wird.

Deshalb bezeichne ich die Erfahrung von Ohnmacht als Nullpunkt. Du kannst diesen Nullpunkt nicht planen. Das wäre wieder Kontrolle. Du kannst ihn nicht mit einem cleveren Konzept umgehen.

Es ist dein radikales, nacktes Date mit der Existenz.

Niemand kann es dir abnehmen. Doch du kannst, wenn der Moment wieder einmal gekommen ist, mit diesem leisen Prozess des Sterbens und Werdens kooperieren, indem du dich weich machst. Körperlich, aber auch geistig.
Indem du ehrlich zugibst, dass du gerade zutiefst erschüttert bist und weder weiterweißt noch weiterkannst.

Denn das ist die Einladung des Lebens in jeder individuellen und kollektiven Krise an uns:
„Leg dein Spielzeug aus der Hand, mein Kind. Gib zu, dass du es nicht weißt. Lass die Kontrolle los. Entspanne dich. Gib dich hin.“

Ich brauche Hilfe

Bestimmt weißt du, wovon ich spreche. Sicher hast du es selbst schon erlebt. Und doch ertappst du dich vielleicht dabei, wie du beim nächsten Mal wie ein Aufziehmännchen weiterrennst und versuchst, dir einzureden, du hättest alles noch im Griff. Wie die Comicfigur, die schon lange über die Klippe hinausgerannt ist und nun mit den Beinen wild in der Luft weiterrennt.

Damit bist du nicht allein.

Es ist unsere gemeinsame, menschliche Achillesferse. Wir haben Angst, zuzugeben, wie wenig wir wissen und wie wenig wir unter Kontrolle haben.

Hör mal auf die Zwischentöne in Talkshows oder in Bundestagsreden, wenn bedeutsame Menschen dem Rest von uns die Welt erklären. Wie selten hält jemand öffentlich inne und hat den Mut, auszusprechen: „Ich weiß es gerade auch nicht.“
Uns wurde beigebracht, dass dies ein Ausdruck von Schwäche ist. Doch in Wahrheit ist es ein kreativer und souveräner Akt:

„Ich gebe zu, dass ich Hilfe und Inspiration brauche.
Von etwas, was größer und weiser ist als ich.“

Es kann sein, dass du dich fragst: „Ja, von wem oder was soll ich denn Hilfe bekommen?“

Gute Frage.

Ich will dir keine tröstende Idee von einem Gott einreden, der sich schon um uns kümmert, wenn wir es vermasselt haben.

Die Fragen „Gibt es eine verborgene Ordnung im Chaos? Kann ich um Hilfe bitten, und wenn ja, wo kommt die her?“ sind eine sehr intime Angelegenheit zwischen dir und der Existenz.

Vielleicht sprechen wir in einem aufrichtigen Moment der Ohnmacht mit unserem Unterbewusstsein und erlauben ihm endlich, ein neues Software-Update zu installieren.

Vielleicht öffnet uns unsere Demut für die Hilfe von Mitmenschen, die lange schon verfügbar gewesen wäre.

Vielleicht beginnen wir zu ahnen, dass wir immer schon eingebettet waren in unvorstellbar intelligente Lebensprozesse. Und wir wagen es, dieselbe Kraft, die aus einer befruchteten Eizelle einen ganzen Menschen formen kann, um Hilfe für unseren nächsten Wachstumssprung zu bitten.

Oder du erfährst tatsächlich im dunkelsten Moment deines Lebens eine Quelle der bedingungslosen Liebe, für die du vorher keinen Namen hattest.

Ich kann dir nicht sagen, welche Antwort du finden wirst.

Für mich liegt das größte Geschenk der Ohnmacht darin, dass wir der Existenz pur gegenübertreten. Wir hören für einen Moment auf, uns zu erklären, wie sie zu sein hat.
Wir werden empfänglich für das, was wirklich ist.

Hingabe ist nicht dasselbe wie Aufgeben

Für alle transformatorischen Faulpelze unter uns gibt es leider einen Haken: Ohnmacht ist nicht dasselbe wie Aufgeben.

Vielleicht hast du beim Lesen gedacht: „Cool. Ich muss mich ja gar nicht mehr anstrengen. Ich lasse einfach los, und dann wird das schon.“ Doch wenn wir mit Hingabe nur unsere Verantwortung umgehen, hat sich unser Ego lediglich ein spirituelles Kostüm angezogen.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem vorschnellen Rückzug aus einer brenzligen, herausfordernden Situation und dem ehrlichen Eingeständnis, dass unsere bisherigen Mittel wahrlich an ihre Grenze gekommen sind.

„Habe ich mich wirklich eingelassen? Habe ich getan, was in meiner Macht liegt? Oder nenne ich etwas Loslassen, dem ich mich noch gar nicht gestellt habe?“

Gleichzeitig musst du dich nicht zerstören, um dich dem Leben hingeben zu dürfen. Auch das „Ich muss mich noch mehr anstrengen“ kann die letzte Verteidigung unseres alten Ichs sein. Manchmal besteht der mutigste Schritt darin, endlich aufzuhören, sich mit noch mehr Anstrengung gegen eine längst erkannte Wahrheit zu stemmen.

Frieden mit Ohnmacht zu schließen bedeutet für mich,
meine Grenzen anzuerkennen und von dort aus neu zu lauschen.

Ich bleibe verantwortlich für mein Handeln. Doch ich muss nicht länger behaupten, das Ganze zu überblicken oder seinen Ausgang garantieren zu können.

Das gilt auch für uns als Menschheit. Wir können weiter forschen, helfen, gestalten, Grenzen setzen. Und gleichzeitig zugeben, dass uns die Antwort auf die großen Fragen unserer Zeit noch fehlt.

Vielleicht werden wir gerade in dieser Demut fähig, einander wieder mehr zuzuhören.

Was will in deinem Leben sterben?

In der Ohnmacht stirbt oft etwas Altes: eine Idee von uns, eine Beziehung, ein Projekt oder unsere Vorstellung von der Welt.

Was uns deshalb helfen kann, diese Transformation bewusster zu erfahren, ist Trauerarbeit.

Trauerarbeit ist nicht morbide. Sie ist zutiefst vital. Eigentlich ist es auch die Arbeit von Geburtshelfer:innen. Denn das bewusste Sterbenlassen des Alten kann die Geburt des Neuen einleiten.

Wir Menschen sind nicht besonders gut darin, das Ende von etwas zuzulassen, solange wir noch nicht wissen, was danach kommt. Hier einige Fragen, die dir dabei helfen können.

Was in deinem Leben will gerade sterben?

Gibt es einen Teilbereich, der sich eigentlich schon verabschiedet hat, den du aber noch festhältst?

Welche Geschichte über dich selbst ist übererzählt worden?

Welche Beziehung, welches Projekt wird von dir nur noch künstlich beatmet?

Welche Vorstellung von Erfolg, Liebe oder Sinn passt nicht mehr zu dem Menschen, der du heute bist?

Schreib deine Antworten spontan auf und dann sprich es laut aus: „Es ist Zeit, dass ich … sterben lasse.“

Du musst das Neue noch nicht sehen. Zunächst darfst du bezeugen, was gehen will.

Du darfst den Verlust fühlen. Und du darfst aufhören, all deine Kraft dafür einzusetzen, den Status Quo aufrecht zu halten.

Auch kollektiv stehen wir aus meiner Sicht vor dieser Aufgabe.

Was, wenn wir unsere Hybris als Spezies betrauern müssten?

Die Vorstellung, alles beherrschen zu können. Den Glauben, immer mehr Konsum würde uns irgendwann erfüllen. Die Hoffnung, dass Geld und Macht uns vor der Verletzlichkeit des Lebens schützen.

Wir können nicht wissen, welche neue Welt daraus entsteht. Doch wir können anerkennen, wo unsere alten Antworten nicht mehr tragen.

Wie begegnen wir den Multikrisen unserer Zeit? Mit noch mehr Aktionismus? Mit Panik? Mit Verdrängung? Oder wagen wir es, diese besondere Zeit persönlich zu nehmen und darin auch unsere Stunde der Wahrheit zu erkennen?

Die Kunst des Sterbens mitten im Leben

Wir werden nie vollständig auf das Sterben unseres Egos vorbereitet sein. Wir können es nicht machen.

Wir müssen es nicht immer auf die großen Krisen ankommen lassen. Bewusst erlebt, bietet jeder Tag auch kleine Gelegenheiten, uns der Ohn-Macht zu öffnen. Wir können uns heute im Loslassen üben.

Wir können unser Rechthabenwollen entspannen.

Wir können aufrichtiger untersuchen, was wir wirklich vom Leben verstanden haben und wo wir uns einfach etwas erzählen, was gut klingt.

Wir können uns häufiger den Gedanken leisten: „Ich weiß es gerade nicht und ich muss es auch nicht wissen.“

Wir können unsere Hybris der Kontrolle entspannen und uns mit einem schlichten Gebet in den Empfangsmodus begeben. Zum Beispiel:

„Leben, Universum, Gott (woran auch immer du glaubst), bitte öffne mich für neue Einsichten. Führe mich im Namen der Wahrheit und der Liebe.“

„Ich bin nicht getrennt von dem, was passiert. Ich bin ein Tropfen im Meer.“
„Ich weiß es gerade nicht.“
„Ich habe gerade nicht die Kontrolle.“

Jeder dieser Momente ist eine Einladung, unsere Identifikation mit dem Ego zu lockern und es kurz sterben zu lassen. Immer wieder neu. Tiefer. In das Unbekannte hinein.

Vielleicht ist es eine Geburt

Ich möchte mit einer ermutigenden Metapher schließen. Stell dir vor, du bist ein Kind im Mutterleib. Geborgen in einer warmen, weichen Höhle. Rundum versorgt. So könnte es ewig weitergehen.

Doch plötzlich wird es eng. Der Druck steigt. Eine unbekannte Kraft presst dich in einen dunklen, blutigen Tunnel. Könntest du in diesem Moment bereits denken, würdest du vielleicht in Panik verfallen:

„Was geschieht mit mir? Warum zerbricht mein Paradies? Warum fühlt sich alles so eng an? Ist alles vorbei?“

Kein Schild weist dich im Geburtskanal darauf hin: „Bleib weich. Gleich kommt das Licht.“

Was, wenn etwas Ähnliches in den dunklen Nächten unserer Seele geschieht? Wenn das, was du als beängstigende Krise erfährst, auch ein Geburtskanal zu einer neuen Version deiner selbst sein könnte?

Ich habe dafür keinen Beweis. Doch ich glaube, dass wir uns auch auf kollektiver Ebene inmitten solch einer Geburt befinden. In meiner Arbeit höre ich bei Coaches, Eltern, Führungskräften und Aktivist:innen dieselbe Ahnung heraus.

Wir fühlen, dass die alte Welt stirbt, doch wir sehen die neue noch nicht. Vielleicht ist es dafür noch zu früh. Der Geburtskanal ist an dieser Stelle der Geschichte dunkel und eng.

Vielleicht geht es jetzt darum, in Demut innezuhalten, uns weich zu machen und auf Empfang zu gehen.

Denn wenn sich ein neues kollektives Bewusstsein anbahnt, dann wird es nicht irgendwo da draußen, sondern jetzt gerade in dir und mir geboren.

Wie wäre es, wenn wir uns eingestehen, dass wir es nicht wissen, und um Hilfe bitten? Als reife Menschheit, die bereit ist, sich nach einem gewaltigen, jahrtausendelangen Ego-Trip erneut und viel bewusster dem großen Gewebe des Lebens hinzugeben.

Was würde dies konkret für dich bedeuten?

Was hältst du noch fest, was längst tot ist? Einen alten Glaubenssatz? Eine bockige Erwartungshaltung an das Leben? Eine viel zu kleine Idee von dir selbst?

Benenne es. Übergib es dem Fluss der Evolution und lass los.

Lass deine Rollen sterben. Deine Ausreden. Deine cleveren Konzepte.

Lass sterben, was dich zu einem begrenzten Jemand macht und dich von deiner größeren Wahrheit trennt.

Denn was du wirklich bist, hat keinen Namen.

Was du wirklich bist, ist keine Geschichte.

Was du wirklich bist, ist kein festes Ufer.

Du bist der Fluss.

Und der Fluss hat ein Ziel.

Der Fluss will zum Meer.

In Liebe, Veit

PS. Wenn du im homodea tribe bist, findest du ihr das Diskussionsforum zu diesem Artikel.

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