Spiritualität ist keine Flucht – und Wut ist gesund

Spiritualität ist keine Flucht – und Wut ist gesund

In den letzten Tagen habe ich mich häufiger zu schmerzhaften Weltthemen geäußert: Epstein, ICE, Iran …

Aus der Szene, für die ich viele Jahre gearbeitet habe – ich nenne sie gern die Psycho-Spiri-Szene – erreichen mich daraufhin auch Kommentare wie:

  • „Kann es sein, dass du hier ein Schattenthema hast?“
  • „Hör auf, Spiritualität und Politik zu vermischen.“
  • „Hör auf, Wut anzustacheln. Gerade jetzt ist Innehalten und Besonnenheit angesagt.“
  • „Die Mystiker alter Zeiten haben sich auch nicht ins Weltgeschehen eingemischt.“
  • „Mein Licht wirkt im Verborgenen.“
  • „Die Liebe siegt.“

Zur Frage nach dem Schattenthema: Ja, ganz sicher. Denn diese Kommentare lassen mich nicht friedlich lächeln – sie lösen einen Würgreflex in mir aus. Und mehr noch: Ich habe selbst über Jahre hinweg bestimmte selbstzufriedene Aspekte unserer Szene genährt. Also ja – es geht hundertprozentig auch um meinen Schatten.

Ich schreibe nicht, um mich zu rechtfertigen oder jemanden anzuklagen. Ich schreibe als Einladung zur Reflexion. An all jene, die sich in unseren gemäßigten, sicheren Zonen über Jahrzehnte mit Spiritualität und Erwachen beschäftigt haben.

Der nächste Quantensprung steht an. Aber diesmal geht es nicht die Lichtleiter hinauf – sondern hinunter. In den Dreck. In die Dunkelheit. Dorthin, wo wir nie hinwollten.

Eine Frage an uns alle: Epstein, ICE, Iran … Wenn du hier wegschaust – was war dann der wirklich ehrliche Zweck deiner Yoga-Praxis, deines spirituellen Weges?

Du kannst dich nicht ernsthaft mit Schattenarbeit beschäftigt haben, wenn du nicht verstehst, dass diese kollektive Schockwelle uns alle betrifft.

Du kannst dein Gerede von Einheit nicht ernst meinen, wenn es dir – nüchtern betrachtet – egal ist, dass Milliarden von Menschen nicht sicher, nicht frei und nicht einmal materiell versorgt genug sind, um sich mit Selbstverwirklichung zu befassen.

Du fragst, ob ich wütend bin? Und ob. Wie könnte ich es nicht sein? Ich bin Liebender, Ehemann, Vater einer Tochter. Epstein war nicht das Werk einiger weniger „kranker Männer“. Es ist das kulminierte Zerrbild des Patriarchats. Einer Welt, in der sich kaum ein Mädchen wirklich sicher fühlen kann.

Und das beginnt nicht bei perversen Milliardären oder Gurus – es beginnt bei uns. Bei dir und mir. Bei unserem Wegschauen. Unseren kleinen, faulen Kompromissen.

Es geht uns alle an. Und solange nicht nahezu jede*r darüber spricht und den Schatten dieser Geschichten im eigenen Leben sucht, sind wir noch nicht wütend genug.

Warum schreibt und spricht gerade nicht jeder einzelne Mann darüber?
Meinst du wirklich, das betrifft dich nicht?
Wie nah muss der Mist kommen, damit du ihn persönlich nimmst?

Warum sind so viele Trump-Anhänger in Deutschland plötzlich still?
Bist du immer noch so verblendet, dass du gutheißt, was passiert – oder nicht mutig genug, deine Fehleinschätzung aufrecht einzugestehen?

Warum wundern wir uns kaum oder nur schwach darüber, dass wir eine Regierung haben, die bis heute keinen klaren, verurteilenden Satz zu diesem kranken Geschehen formuliert hat? Oder dass die AfD das selbst jetzt – oder gerade jetzt – noch feiert?

Hat uns unser Meditieren wirklich so bequem gemacht, dass wir nicht mehr sehen, wie tragikomisch machtlos unsere Lichtarbeiter-Konzepte gegenüber struktureller Gewalt und Ungerechtigkeit sind?

Mystiker aller Zeiten hätten sich nicht ins Weltgeschehen eingemischt? Wirklich? Wer hat dir das erzählt – und warum ist dieses Bild dein Vorbild? Ich weiß nicht, ob Jesus historisch genau so gelebt hat. Aber ich liebe ihn für das Bild des Mannes, der wütend durch den Tempel der Verlogenheit gefegt ist.

Spiritualität ist kein Ort, an den wir uns zurückziehen, wenn die Welt uns zu roh, zu schmerzhaft oder zu komplex wird. Sie ist keine Komfortzone. Und sie ist ganz sicher kein Schutzschild, hinter dem wir uns vor Verantwortung verstecken dürfen.

Wenn spirituelle Konzepte wie „Alles ist eins“, „Alles ist ein Traum“ oder „Ich bin reines Bewusstsein“ benutzt werden, um reale Gewalt, realen Missbrauch oder kollektives Wegsehen zu relativieren, dann sind sie nicht durchgereift – und genau deshalb gefährlich. Sie dienen nicht dem Leben, sondern der Vermeidung. Sie bremsen unsere eigene Reifung und stabilisieren bestehende Systeme.

Ich habe selbst Zustände von Weite, Liebe und Einheit erfahren. Sie sind für mich zutiefst real und kostbar. Aber sie entbinden uns nicht von unserer Aufgabe in dieser Welt. Im Gegenteil: Sie verpflichten uns. Besonders dort, wo Kinder, Frauen und Schutzlose leiden – und wo Macht Täter schützt.

Schöne Konzepte reichen nicht. Schöne Gefühle allein lullen uns ein.

Ja, blinde Empörung kann zerstörerisch sein. Doch bewusst gelebte Wut ist etwas anderes: Sie ist ein Feuer unter unserem Hintern. Sie bringt uns in Bewegung.

„Alles ist Liebe“ ist eine leere Aussage, wenn sie dich nicht auch mutiger macht. Wenn deine Spiritualität dich nicht befähigt, Missbrauch zu benennen und den Schmerz der Opfer wirklich an dich heranzulassen, dann stellt sich eine unangenehme Frage: Was ist das alles dann wert?

Das hier ist kein politischer Kulturkampf. Nicht „woke“ gegen „anti-woke“. Diese Begriffe sind Nebelkerzen. Es geht um etwas Einfacheres – und zugleich Radikaleres: Menschlichkeit. Anstand. Mitgefühl.

Ich arbeite mich nicht an unserer Szene ab. Ich spreche so deutlich, weil ich diejenigen finden will, die verstanden haben: Dies ist die Zeit, für die wir all die Retreats, Ausbildungen und inneren Prozesse durchlaufen haben.

Alles hat dich auf jetzt vorbereitet.

Es ist keine Doomeritis, wenn ich sage: Das kommende Jahrzehnt ist entscheidend. Zu viel Altes stirbt gerade. Das Neue ist noch nicht da. Es wird in denen geboren, die sich einbringen. Und diese Zeit sollten wir nicht ein paar Dutzend Tech-Bros und Autokraten überlassen.

Ich bin nicht interessiert an einer Spiritualität, die über den Dreck der Welt hinwegschwebt. Ich glaube an eine Spiritualität, die sich im Körper zeigt und den Alltag zur Übungsmatte macht. In Haltung. In klarer Sprache. In der Bereitschaft, unbequem zu sein. Eine Spiritualität, die durch Schmerz, Zweifel und Schattenarbeit wächst – nicht um sich moralisch zu erhöhen, sondern um präsent zu bleiben.

Erwachen und Erleuchtung werden oft missverstanden. Sie bedeuten nicht Rückzug oder Gleichgültigkeit. Sie bedeuten nicht, über der Welt zu stehen. Eine echte Einheitserfahrung macht dich vielleicht gelassener – aber nicht passiv. Sie verweigert sich dem Leid nicht, sondern steht auf gegen Gewalt, gerade weil nichts getrennt ist und weil sie jedem Menschen denselben Raum für Erwachen wünscht.

Die Wut, von der ich spreche, kommt nicht aus Hass und nicht aus moralischer Überlegenheit. Sie ist Shakti – geboren aus Mitgefühl. Sie ist nicht blind. Sie richtet sich nicht gegen Menschen, wohl aber gegen kranke Ego-Strukturen und Systeme. Aus Verantwortungsbewusstsein und Verbundenheit.

Ich betone das ausdrücklich: Ich stehe nicht über den Dingen. Ich befreie mich selbst seit Jahren aus den Irrtümern einer unreifen, pseudospirituellen Bewegung. Ich habe nicht alle Antworten. Oft fühle ich mich hilflos und zu klein. Aber ich lasse mich berühren. Ich schaue nicht mehr weg. Und dazu lade ich dich ein.

Ja, in der Tiefe sind wir eins.
Und ja, vielleicht ist diese Welt eine Illusion.

Doch wir sollten diese Ahnung nicht missbrauchen, um uns vor unseren Hausaufgaben zu drücken.

Die eigentliche Arbeit ist nicht, über der Welt zu schweben.
Die eigentliche Arbeit ist, wirklich hier zu sein.

Im Körper.
In unserer menschlichen Unvollkommenheit.
In unserer Berührbarkeit.

Das ist der Weg, der mich interessiert. Die Art von Erwachen, die mich anzieht. Und ich schreibe so deutlich, weil ich meine Weggefährt*innen suche.

Hoffentlich ja auch dich.

Mit herzlichem Gruß, Veit

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