Was hat die Welt von eurer Liebe

Dein Wöchentlicher Brief von Veit Lindau

Weil dein Leben kostbar ist.

Betreff: Was hat die Welt von eurer Liebe?

Hallo, Mensch.

Auf diesen Brief an dich habe ich mich besonders gefreut. Es geht um eines meiner Lieblingsthemen.

In der kommenden Woche schließen wir auf dem Human Future Movement Campus unsere wunderschöne und gehaltvolle Serie „Lieben lernen“ ab.

In dieser letzten Folge geht es um eine entscheidende Bewegung: darum, die Liebe, die Tiefe und die Weisheit, die in einer lebendigen Beziehung freigesetzt werden können, nicht nur für uns zu behalten, sondern in die Welt überfließen zu lassen.

Und dazu habe ich dir heute eine Frage mitgebracht.

Eine Frage, die du mit in deine Liebesbeziehung nehmen kannst. Aber auch in deine Familie, eine Freundschaft oder ein Team. Und tatsächlich auch in die Beziehung mit dir selbst.

Die Frage lautet:

Was haben eigentlich die anderen von eurer Beziehung?

Oder noch direkter:

Wen und was haltet ihr noch draußen?

Mir geht es bei dieser Frage ausdrücklich nicht um Moral oder irgendeinen Leistungsanspruch.

Ich möchte dich vielmehr dazu einladen, sie mit deinen Beziehungspartner:innen mal ganz offen und neugierig zu erforschen:

Was hat die Welt davon, dass es unsere Beziehung gibt?

Was hat die Welt davon, dass wir uns lieben?

Was wird durch unsere Beziehungen freier, heller und lebendiger in der Welt?

Wir haben gelernt, viel zu klein zu denken

Die meisten von uns sind dazu erzogen worden, zunächst erst einmal nur uns selbst und unsere unmittelbaren Beziehungen sehen.

Wir denken egozentrisch: Was brauche ich? Was tut mir gut? Wie kann ich mich schützen?

Und dann wir denken ethnozentrisch: Was braucht meine Familie? Meine Gruppe? Meine Gemeinde? Mein Land?

Das ist verständlich. Es ist zutiefst menschlich, dass wir zunächst dafür sorgen wollen, dass es uns selbst gut geht. Dass wir uns nach einer verlässlichen Freundschaft, einer erfüllenden Liebesbeziehung oder einer sicheren Familie sehnen.

Doch wenn wir im Geist an dieser Stelle stehen bleiben, verpassen wir eine entscheidende Dimension des Lebens.

Denn wir alle sind nicht voneinander getrennt.

Wir sind Teile eines größeren Systems. Alles hängt mit allem zusammen. Jede Entscheidung, jedes Gefühl, jede Beziehung sendet Wellen in dieses große Netz des Lebens.

Der wahrscheinlich offensichtlichste Grund dafür, dass die Menschheit beim Klima, bei der zunehmenden Polarisierung unserer Gesellschaften oder bei der Verteilung von Ressourcen immer wieder und immer stärker in Sackgassen gerät, ist, dass wir nicht groß genug denken und fühlen.

Jede Form von Trennung, die wir in unserem Geist errichten, ist in Wahrheit künstlich. Wir alle sind Partikelchen eines multidimensionalen, für uns unbegreiflich intelligenten Gewebe des Lebens.

Wir sehen nicht, dass das Wohlergehen des Einzelnen langfristig niemals vom Wohlergehen des Ganzen getrennt werden kann.

Wir sitzen – ob wir wollen oder nicht – alle in einem Boot.

Warum ist dein Gehirn so schlau

Dein und mein Gehirn besteht (vorausgesetzt, wir trinken nicht zu viel) aus rund 86 Milliarden Nervenzellen.

Doch es ist nicht allein diese unfassbar gewaltige Anzahl an Zellen, die unsere Intelligenz ausmacht. Entscheidend ist, wie vielfältig und lebendig sie miteinander vernetzt sind. Unsere Intelligenz entsteht durch den Grad an Vernetzung unserer Nervenzellen.

Stell dir nun einmal vor, jede einzelne dieser Nervenzellen wäre plötzlich nur noch damit beschäftigt, eine Partnerzelle zu finden.

Sie würde sagen:

Ich brauche nur diese eine Zelle. Mit ihr möchte ich eine exklusive Beziehung führen. Wir zwei ziehen uns jetzt zurück, kapseln uns vom Rest des Gehirns ab und kümmern uns nur noch umeinander.

Was würde geschehen?

Das Gehirn würde einen Großteil seiner Intelligenz, seiner Kreativität und seines Reaktionsvermögens verlieren. Es würde krank werden. Vielleicht würde es sich sogar entzünden.

Nicht, weil die Verbindung zwischen diesen beiden Zellen falsch wäre.

Sondern weil Beziehung dort ungesund wird und Reibung kreiert, wo sie sich vom größeren Organismus abtrennt.

Vielleicht ist es gar nicht so unangemessen, die Menschheit als eine Art kollektives Gehirn zu betrachten.

Jede und jeder von uns ist wie eine Nervenzelle in einem riesigen, kollektiven Nervensystem aus mehr als acht Milliarden Menschen.

Je stärker wir uns voneinander abkapseln, desto unverbundener, schwerfälliger und – im übertragenen Sinne – entzündeter wird unser kollektives Bewusstsein.

Wenn wir jedoch die Größe und die Weisheit aufbringen, über unseren eigenen Tellerrand hinauszudenken und zu fühlen, öffnen wir neue Kanäle.

Und eine der einfachsten und kraftvollsten Fragen dafür lautet:

Schatz, was haben eigentlich die anderen von unserer Beziehung?

Wenn ein Mensch plötzlich verschwindet

Vielleicht kennst du diese traurige Erfahrung: Du hast einen guten Freund oder eine gute Freundin. Ihr seid euch nah, ihr teilt euer Leben miteinander, ihr seid füreinander da.

Dann verliebt sich dieser Mensch.

Natürlich freust du dich zunächst für ihn. Doch plötzlich scheint er energetisch verschwunden zu sein. Er ist kaum noch erreichbar. Alles dreht sich nur noch um seine neue Beziehung. Die Verbindung zu dir und vielleicht auch zu anderen Menschen bricht ab.

Falls du das schon einmal erlebt hast, kennst du möglicherweise die Traurigkeit darüber. Und vielleicht auch dieses schwer zu beschreibende Gefühl, dass etwas daran nicht ganz stimmig ist.

Nicht, weil zwei Menschen sich intensiv lieben. Das ist wunderbar!

Sondern weil ihre Liebe nicht überfließt.

Weil die Beziehung wie ein geschlossenes System funktioniert, das immer mehr Energie nach innen zieht und dabei den Kontakt zum größeren Leben verliert.

Andere Beziehungen feiern und unterstützen wir dagegen von Herzen.

Warum?

Weil wir spüren, dass die Freude dieser Menschen auch uns erreicht. Weil ihre Liebe sie großzügiger, offener, wärmer und lebendiger macht. Weil ihre Verbindung nicht nur ihnen dient, sondern auch ihr Umfeld nährt.

Die entscheidende Frage ist also nicht, wie intensiv wir einander lieben.

Sondern:

Macht unsere Liebe uns weiter oder enger?

Öffnet sie uns für die Welt oder kapselt sie uns von ihr ab?

Eine lebendige Beziehung ist eine Quelle

Dabei geht es nicht darum, dass wir nun alle in Kommunen ziehen oder jede Grenze zwischen Privatheit und Gemeinschaft auflösen müssen.

Eine Liebesbeziehung, eine Familie oder ein kleines Team kann eine wunderschöne, lebendige Zelle sein.

Doch eine gesunde Zelle ist niemals vom großen Organismus getrennt. Sie nimmt auf, verarbeitet, erschafft und gibt weiter.

Jede Beziehung, die einigermaßen sicher ist, die erblüht und Energie freisetzt, bringt etwas Wertvolles hervor:

  • Freude.
  • Stabilität.
  • Gute Gedanken.
  • Kreativität.
  • Geborgenheit.
  • Mut.
  • Zeit.
  • Kraft.
  • Materielle und emotionale Ressourcen.

Die Frage ist: Was geschieht mit all dem? Behalten wir es für uns? Oder lassen wir die Quelle überfließen?

Stellt euch als Paar oder als Familie einmal gemeinsam diese Fragen:

Was können wir für unseren Nachbarn tun, der häufig allein ist?

Wie können wir einen Freund unterstützen, der gerade krank ist?

Was können wir für einen Menschen tun, der sich momentan nicht selbst helfen kann?

Wollen wir als Familie oder Team vielleicht ein gemeinnütziges Projekt in unserer Stadt unterstützen?

Wie können wir mit unserer Zeit, unserer Freude, unserem Wissen oder unserem Geld etwas nähren, das über uns hinausgeht?

Eure Beziehung verliert dadurch nichts.

Im Gegenteil.

Sie gewinnt an Kraft, Sinn und Freude. Sie kommt in Kontakt mit der Welt, wird kreativer, lebendiger und widerstandsfähiger.

In diesem Sinne ist es sogar auf eine sehr gesunde Weise egoistisch, sich zu fragen:

Was haben die anderen davon, dass wir zusammen sind?

Denn das Leben unterstützt auf lange Sicht nicht das, was sich ausschließlich um sich selbst dreht.

Die Kraft des Lebens fließt dorthin, wo etwas dem größeren Ganzen dient.

Was Beziehungen stark macht

In Andreas’ und meiner über 30-jährigen Beziehungserfahrung – sowohl in unserer eigenen Partnerschaft als auch in der Begleitung Tausender Paare – haben wir immer wieder etwas sehr Berührendes beobachtet:

Paare, die ihre Liebe und ihre Kraft bewusst über die Grenzen ihrer Beziehung hinausfließen lassen, sind häufig lebendiger und kreativer.

Sie wachsen mehr miteinander.

Und sie sind oft besser in der Lage, Krisen zu meistern.

Das ergibt Sinn.

Wenn eine Beziehung nur noch sich selbst zum Inhalt hat, entsteht irgendwann ein enormer Druck. Dann soll die Partnerin oder der Partner alles sein: Geliebte, beste Freundin, Therapeut, Abenteuergefährtin, geistiger Sparringspartner, Familie und sichere Heimat.

Kein einzelner Mensch kann all das dauerhaft erfüllen.

Wenn eine Beziehung sich jedoch wieder mit dem größeren Leben verbindet, kann sie atmen.

Sie bekommt neue Impulse. Sie erlebt sich als Teil von etwas Sinnvollem. Und beide Menschen müssen nicht mehr ausschließlich voneinander erwarten, dass sie ihre gesamte Welt bilden.

Die Illusion des Gartenzauns

Viele von uns sind mit dem Modell der Kleinfamilie groß geworden.

Eine relativ glückliche Partnerschaft. Gesunde Kinder. Ein kleines Haus. Ein Gartenzaun. Vielleicht fühlt sich das sicher und bequem an.

Und noch einmal: Daran ist nichts falsch.

Doch die Vorstellung, dass wir hinter diesem Gartenzaun dauerhaft unabhängig vom Rest der Welt leben könnten, ist eine Illusion.

Vielleicht ist ja das, was ihr miteinander schaffen habt, nicht nur ein Geschenk an euch sondern auch ein Privileg, das ihr teilen könnt.

Die Menschheit hat den größten Teil ihrer Geschichte in Gemeinschaften gelebt. Es war selbstverständlich, miteinander zu teilen, füreinander Verantwortung zu übernehmen und sich aufeinander zu beziehen.

Vieles davon fehlt uns heute.

Wir leben räumlich dicht beieinander und sind uns dennoch oft fremd. Wir können mit Menschen auf der anderen Seite der Erde kommunizieren und wissen gleichzeitig nicht, wie es dem alten Mann in der Wohnung nebenan geht. Wir übersehen einander auf der Straße, weil wir in unsere Smartphones starren.

Wir haben gelernt, uns abzukapseln.

Nicht, weil wir schlechte Menschen sind.

Sondern weil es uns so vorgelebt wurde und weil es sich in einer so komplexen Welt auch erst einmal sicher anfühlt.

Doch wir können wieder lernen, größer zu denken und großzügiger zu handeln.

Wir sind keine voneinander isolierten Einheiten. Wir sind kleine, einzigartige Knotenpunkte in einem riesigen, multidimensionalen Netzwerk des Lebens.

Und es ist höchste Zeit, dass wir das nicht nur intellektuell verstehen, sondern praktisch leben.

Auch wenn du gerade allein bist

Hey, und falls du dich gerade allein fühlst, weil du keine Liebesbeziehung hast, möchte ich dich liebevoll daran erinnern:

Du bist niemals ohne Beziehung.

Du hast immer die Beziehung zu dir selbst. Und von dort aus auch eine Beziehung zum Leben, zu den Menschen um dich herum und zu dieser Welt.

Vielleicht ist es ein Irrtum, darauf zu warten, dass erst ein bestimmter Mensch in dein Leben kommen muss, bevor deine Liebe überfließen kann. Vielleicht musst du nicht warten, bis du eine Partnerschaft hast, um dich zu verschenken, dich zu verbinden und etwas zu bewirken.

Vielleicht kannst du heute damit beginnen.

Indem du jemandem die Hand reichst.
Indem du einen Menschen anrufst, der sich gerade ebenfalls allein fühlt.
Indem du deine Aufmerksamkeit, deine Wärme, deine Zeit oder deine Kreativität mit jemandem teilst.

Du musst nicht erst von einem Menschen gewählt werden, um selbst das Leben zu wählen. Dir muss nicht erst gegeben werden, bevor du deine innere Quelle überfließen lassen kannst.

Lasst den Quell eurer Beziehung überfließen

Ihr könntet heute damit beginnen.

Nicht spektakulär. Nicht aus Pflichtgefühl.

Sondern aus der Neugier heraus, eine weitere Dimension eurer Beziehung zu erforschen.

Ich würde mich freuen, wenn du die folgenden Fragen mit in deine Beziehung nimmst:

Was haben eigentlich die anderen davon, dass wir zusammen sind?

Was hat unser Freundeskreis davon?

Was haben unsere Nachbarn davon?

Was haben notleidende Menschen davon?

Was haben Menschen davon, die vielleicht niemals unseren Namen erfahren werden?

Und auch:

Was hat die Welt davon, dass du dich gut um dich selbst kümmerst?

Wirst du dadurch präsenter? Freundlicher? Klarer? Mutiger? Großzügiger?

Oder endet deine Selbstfürsorge auf deinem Meditationskissen?

Wahre Selbstliebe macht uns nicht gleichgültig gegenüber der Welt. Sie schenkt uns die Kraft, an ihr teilzunehmen und zur Quelle zu werden.

Wahre Liebe schließt nicht aus.

Sie öffnet. Sie strahlt aus. Sie teilt.

Vielleicht setzt ihr euch in den nächsten Tagen als Paar, als Familie, als Team oder als Freundeskreis einmal zusammen und fragt euch:

Was entsteht zwischen uns, das wir mit anderen teilen können?

Und beginnt ruhig klein…

Mit einem Anruf.
Einer Einladung.
Einer helfenden Hand.
Einer offenen Tür.
Einer Spende.
Einer mutigen Idee.
Oder einem zusätzlichen Platz an eurem Tisch.

Die Welt braucht nicht mehr Liebespaare. Sie braucht mehr Liebende, die ihre Liebe überfließen lassen.

Sie braucht Menschen, die wissen und leben, dass sie Teil des Ganzen ist.

Von Herzen

Veit

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