Die Wut (m)einer Frau

Meine Frau ist (auch) eine lebendige Herausforderung. Das ist gut so. Und ich beginne, es zu genießen.

Es ist eine Sache, die Frau an deiner Seite dazu einzuladen, zu heilen und zu erblühen.

Es ist etwas anderes, ein Standing für die Radikalität und Wut zu entwickeln, die sich in ihr zeigen werden.

Doch wie haben wir Männer uns das denn vorgestellt? Wie könnte es anders sein?

Frauen sind in meinen Augen (eigentlich) wilde, weise, paradoxe, extrem tiefe Wesen. Verbunden mit Allem. Angebunden an nonverbale Weisheit und Instinkt. Gelehrt, trainiert durch Zyklen, Schmerz und bedingungslose Liebe.

Es ist keine Schmeichelei, wenn ich sage: Ich bin überzeugt, dass eine Frau, die mit ihren Urquellen verbunden ist und sich von ihren Konditionierungen befreit, das derzeit mächtigste Wesen auf diesem Planeten ist.

Wir haben Religionen erfunden, die uns erzählen, dass die Frau aus unserer Rippe stammt und uns gehorchen sollte. Wir haben sie aus ihren Kreisen gerissen, in Kleinfamilien domestiziert, für ihre Leidenschaft verfolgt und verbrannt. Wir haben sie so lange und so tief konditioniert, dass sie selbst das Gefängnis dieser Rollen verteidigt.

Jede Frau spürt die Last dieser geistigen, spirituellen und systemischen Ketten in sich. Trägt persönliche und kollektive Narben von unzähligen kleinen und großen Verletzungen durch Objektifizierung, Sexismus, Missbrauch, Ausbeutung in sich.

Also wird, wenn sie heilt, eine uralte Wut an die Oberfläche kommen. Sie ist f*cking unbequem. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich hätte sie immer freudig begrüßt. Ich bin hart geworden. Habe beschwichtigt. Mich beschwert. Beleidigt zurückgezogen.

Ich bin mittlerweile überzeugt…

All die Versuche in der sogenannten Manosphäre, im traditionellen Christentum oder in anderen Religionen, alte Rollenbilder zu bewahren, beruhen in Wahrheit auf der Angst des Mannes.

Angst vor einer mindestens gleich starken, unbequemen Gefährtin. Vor der Konfrontation mit unangenehmen Gefühlen und heißen Fragen. Vor dem Einsturz unserer Arroganz, das Leben verstanden zu haben. Und natürlich vor dem Einbrechen alter Privilegien.

Je lauter Männer ihren inneren „Alpha“ betonen, desto mehr Furcht vor Kali höre ich heraus. Lass uns wahrhaft mutig sein, und uns freien, unkontrollierbaren Frauen stellen…

Auch wenn es mich manchmal noch überfordert… mittlerweile habe ich gelernt, das in meiner Frau aufsteigende uralt-frische Feuer nicht mehr so persönlich zu nehmen. Das hilft mir, in ihm stehen zu bleiben und meiner Geliebten ENDLICH die Erfahrung zu schenken, dass ihre Wut, ihr Schmerz, ihre Wildheit willkommen sind.

Und ehrlich: Ich schenke ihr gar nichts. Sie braucht meine Erlaubnis nicht. Sie nimmt sich zurück, was ihr immer schon gehörte. Ich darf nur Zeuge sein und endlich aufhören, im Weg zu sein.

Meine Frau ist unendlich zart. Doch sie ist auch eine radikale Bitch, eine wild-weise Witch …Ich liebe sie. Und ich höre auf, ihre Heilung zu wollen, als wäre sie meine Rettungs-Aufgabe. Das Leben in ihr bahnt sich allein den Weg ans Licht und ich lerne, den Raum zu halten.

Ich zucke immer noch manchmal… Doch immer öfter feiere ich den Ausbruch dieses uralten Vulkans, das Leuchten ihrer Augen, die Stille und Weite danach … Auch wenn ein Großteil dieser Urkraft aus einer Zeit kommt, in der wir noch nicht zusammen waren, lerne ich so viel, seitdem ich weniger dagegen kämpfe und mich mehr berühren lasse.

Ich lerne, die krasse, unsichtbare Matrix des Patriarchats nicht nur zu denken, sondern zu fühlen. Ich lerne zu verstehen, wie oft meine „rationalen” Argumente in Wahrheit aus der Angst vor dem Unbekannten, dem nicht Berechenbaren gespeist sind. Ich lerne, dass Heilung in Zyklen verläuft, die man(n) nicht planen kann.

Wie viel Kreativität und Weisheit sich mithilfe der Wut den Weg an die Oberfläche bahnt. Dass ich mehr Standing in mir habe, als mir bewusst war. Dass uns diese natürliche Verbundenheit mit der Logik des Lebens und seiner heiligen Ordnung so sehr fehlt, weil wir Frauen irritiert und unterdrückt haben.

Dass diese ursprüngliche Wut nicht GEGEN das Leben, sondern zutiefst im Dienst des Lebens und der Menschlichkeit steht.

Ich lerne, dass diese Wut in Wahrheit pure Shakti ist,

die auf innere und äußere Mauern trifft.

Und ja, ich höre die Falle in meinen eigenen Sätzen. Erst haben wir Männer die Frau kleingemacht, jetzt mache ich sie zur Göttin. Beides ist ein Bild, das ich ihr überstülpe. Vielleicht will Andrea gar nicht das mächtigste Wesen auf diesem Planeten sein. Vielleicht will sie einfach wütend sein dürfen, einfach sein. Keine Rollen… keine Klischees…

Ich glaube, dass wir die anstehenden Herausforderungen der Menschheit nur lösen werden, wenn wir alle diese zornige Kraft mehr durch unsere Venen fließen lassen, sodass sie unserem Instinkt für das Wahre, Gute und Schöne mehr Tiefe und unserer Umsetzung mehr Durchschlagskraft verleiht.

Wenn du ein Mann bist, der bis hierher gelesen hat: Hab die Größe, für einen Moment nicht aufzuzählen, wo und wie wir ja auch leiden… Das stimmt. Doch darum geht es nicht in diesem Post.

Schenke den Mädchen und Frauen in deinem Leben die Erfahrung, dass du ihre Wut nicht nur aushältst, sondern sogar feierst.

Andrea Lindau … in Liebe für die Bitch in dir.

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Augw

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