Erwachen verpflichtet

Augw

Warum wir bei homodea Spiritualität und politisches Engagement nicht mehr trennen. Und warum das kein Widerspruch ist, sondern die Konsequenz dessen, was wir lehren.

Dieser Artikel ist für dich, wenn du dich fragst, was du mit dieser Welt zu tun hast. Und ausdrücklich auch für dich, wenn du mit der AfD sympathisierst und dennoch einem ehrlichen Gegenüber zuhören magst. Lass uns gern anderer Meinung sein und dennoch voneinander lernen.

Diskussionsform (für homodea tribe) zu diesem Artikel, hier.

Eine Bitte vorweg: Es ist möglich, dass dir meine Worte an irgendeiner Stelle die Knöpfe drücken, denn dieser Text berührt existenzielle Fragen. Du musst mir nicht glauben. Doch es wäre wundervoll, wenn es dir gelänge, an den Stellen, an denen die Schnappatmung einsetzt, eine Markierung zu setzen, um dann später noch einmal dahin zurückzukommen und den eigentlichen Schatz für dich zu bergen.

Was genau habe ich geschrieben? Und was hat dein Mind gelesen? Was genau hat dich getriggert? Was genau stellt das für dich infrage? Und warum empört dich das so?

Wenn sich Geschichte reimt

Ich möchte dir zu Beginn eine Geschichte erzählen. Sie ist heute exakt hundert Jahre alt, und sie geht uns alle an.

Am 3. und 4. Juli 1926 hielt die NSDAP in Weimar ihren zweiten Reichsparteitag ab. Es war der erste große Auftritt der Partei nach ihrer Neugründung, Hitler war gerade aus der Haft entlassen. Weimar wurde nicht zufällig gewählt: Thüringen war eines der wenigen Länder, in denen die Partei nicht verboten war und Hitler öffentlich reden durfte. Über 7.000 Anhänger reisten an. Die Partei tagte ausgerechnet im Deutschen Nationaltheater, dem Ort, an dem sieben Jahre zuvor die Verfassung der ersten deutschen Demokratie beschlossen worden war. Der örtliche Gauleiter brachte die Botschaft beim Appell auf den Punkt: Dort, wo einst Friedrich Ebert saß, stehe jetzt Adolf Hitler; das sei der Beginn einer neuen Zeit.

Historiker:innen bewerten diesen Parteitag heute als Wendepunkt. Hier richtete Hitler die zerstrittene Partei bedingungslos auf sich aus. Hier wurde aus einer Splittergruppe eine Bewegung mit einem Führer. Und hier wurde etwas demonstriert, wofür die Forschung inzwischen einen präzisen Begriff hat: Raumaneignung. Man besetzt einen Ort, der für etwas anderes steht, und deutet ihn um. Man nimmt der Demokratie ihr Symbol und macht es zum eigenen.

Exakt einhundert Jahre später, am 4. und 5. Juli 2026, hält die AfD ihren Bundesparteitag ab. In Thüringen. In Erfurt, gut zwanzig Kilometer von Weimar entfernt, im politischen Heimatland von Björn Höcke.

Die AfD sagt, der Termin sei der einzige gewesen, an dem die Messehalle frei war. Vielleicht stimmt das sogar. Doch das ist am Ende unerheblich.

Eine Partei, die von einem ehemaligen Geschichtslehrer mitgeprägt wird, eine Partei, die historische Symbolik nachweislich virtuos einzusetzen vermag, weiß, was der 4. Juli in Thüringen bedeutet. Sie hätte den Termin verlegen können. Sie hat es nicht getan. Wohl wissend, welchen Zündstoff dies in ein ohnehin stark überhitztes, polarisiertes Klima bringt. Warum?

Vermutlich ist es die doppelte Codierung, die die AfD meisterhaft beherrscht: Nach innen sendet das Datum ein unausgesprochenes Signal an die geschichtsbewusste völkische Basis und krönt Höckes Machtanspruch im eigenen Heimatland, nach außen bleibt alles bestreitbar. Die vorhersehbare Empörung und mögliche Bilder der Gewalt zahlen ebenfalls auf ihr Konto ein, denn sie erlauben der Partei, die Opferpose gegenüber einem angeblich hysterischen Establishment weiterhin zu pflegen. Falls die Dinge an diesem Wochenende eskalieren, wäre das eine sehr erfolgreiche und zugleich zynische Imagepflege.

Ich behaupte nicht, dass sich Geschichte eins zu eins wiederholt. So einfach ist es nie. Mark Twain wird der treffende Satz zugeschrieben:

„Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich.“

Und an diesem Wochenende reimt sie sich so laut, dass man schon sehr entschlossen weghören muss.

Nach über 30 Jahren Forschung und Praxis zum menschlichen Bewusstsein würde ich sagen: Wenn wir unsere Lektionen individuell und kollektiv nicht vollständig lernen, wird uns das Leben immer wieder eine ähnliche Herausforderung präsentieren.

So, was lernen wir alle gerade?

In diesem Text geht es mir nicht um eine einzelne Partei, sondern um eine Frage an uns alle:

Was tun wir, wenn wir wahrnehmen, dass sich ein Ereignis in der Gegenwart verblüffend auf die Vergangenheit reimt?

Was haben unsere persönliche Reifung und auch unsere spirituelle Praxis mit unserer weltlichen Gesellschaft zu tun?

Der junge Mann aus Sachsen

Ich möchte noch eine zweite Geschichte mit dir teilen. Sie ist mit der ersten verflochten und sie betrifft mich persönlich. Als die NSDAP 1926 in Weimar tagte, lebte in Sachsen ein kleiner Junge. Soweit ich weiß, hatte er einen sehr aufgeschlossenen, intelligenten und hellen Geist. Im Alter von 18 Jahren, am 1. September 1939, dem Tag, an dem Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfesselte, trat dieser junge Mann in die NSDAP ein.

Wenig später ging er zur SS, einer Organisation, die aus eben dieser Partei hervorgegangen war. Er glaubte an die hohen Ideale der Propaganda: Gemeinschaft, die Größe des deutschen Volkes, eine neue Zeit.

Aus dem Russlandkrieg kam er paranoid und schweigsam zurück. Er hat Ostdeutschland nie wieder betreten, aus Angst vor Konsequenzen. Und er hat nie darüber gesprochen, was er im Krieg erfahren und sehr wahrscheinlich auch getan hat.

Dieser junge Mann war mein Großvater.

So viele Jahrzehnte später sitzt nun sein Enkel vor dem Computer und schreibt dir diesen Brief. Auch aus einer Frage heraus, die mich nicht loslässt: Was hat meinen Großvater damals bewegt, diesen Weg einzuschlagen? Und was bedeutet das für meine Verantwortung heute?

Denn das berührt mich an seiner Geschichte am meisten: Er war kein Monster. Er war ein sensibler Feingeist, der einen Weg einschlug, der ihm Sinn, Zugehörigkeit und Bedeutung versprach.

Warum mute ich dir, uns das zu?

Manche von euch sind mit Andrea, mir und homodea schon seit vielen Jahren unterwegs. Wir schätzen diese langfristigen Beziehungen sehr. Wir reifen miteinander und erleben natürlich auch, wie wir uns verändern.

Wer länger mit dabei ist, hat mitbekommen, dass sich auch unsere Arbeit gewandelt hat.

Vor Corona hatten wir uns sehr stark auf Erfolg, Selbstliebe und Berufung konzentriert. Also vor allem auf persönliche Weiterentwicklung. Das tun wir immer noch. Doch dann kamen die Schattenarbeit und die Ebenen des Bewusstseins mit dazu, weil uns die kulturellen Spannungen in unserer Gesellschaft sehr bewegten.

Irgendwann wurde uns klar, dass es Zeit ist, unseren integralen Anspruch wirklich ernst zu nehmen und uns selbst und die Menschen in unseren Seminaren und Kursen zu ermutigen, noch stärkere Brücken zwischen der inneren Arbeit, unseren Beziehungen und gesellschaftspolitischen Fragen zu bauen.

Seit einigen Jahren äußern wir uns deshalb auch klar zu gesellschaftspolitischen Fragen: zu Demokratie, Feminismus, Rassismus …

Einige von euch begrüßen das. Andere nervt es. Manche verabschieden sich. Alles ist okay. Doch heute möchte ich noch einmal so klar wie möglich erklären, warum dies nicht einfach irgendeine Laune von uns ist. Du kannst uns glauben: Diese neue Richtung hat uns auch viel gekostet, zum Beispiel Umsatz, und sie hat uns viel Gegenwind eingebracht.

Wir haben uns sehr bewusst entschieden, Potenzialentfaltung, Spiritualität und gesellschaftspolitisches Engagement miteinander zu verbinden, nicht trotz unserer inneren Bewusstseinsarbeit, sondern als deren logische Konsequenz.

Wer integral denkt, und das ist der Kern unserer Arbeit, betrachtet den Menschen nie isoliert. Innen und Außen, Individuum und Kollektiv gehören zusammen.

Deine innere Entwicklung findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern in Strukturen: in einer Familie, einer Wirtschaft, einem Rechtssystem, einer politischen Ordnung.

Wer nur am Innen arbeitet und das Außen ignoriert, blockiert de facto auf Dauer seine Entwicklung, denn Bewusstsein muss sich in alle Bereiche, auch die äußeren, ausdehnen.

Außerdem wird der innere Weg der Entfaltung immer Sisyphusarbeit bleiben, wenn sich unsere äußeren Strukturen nicht anpassen.

Andersherum wird weltlicher Aktivismus immer gefährliche Blind Spots aufweisen, wenn die eigene Reflexion fehlt.

Hinzu kommt, dass uns in der Intensität der Krisen der letzten Jahre immer bewusster geworden ist, dass es in Teilen der psychospirituellen Szene an konstruktiv-kritischem Denken und klar definierten Werten mangelt.

Gerade der spirituelle Bypass, über den ich im letzten Brief geschrieben habe (siehe hier), führt häufig dazu, die Welt unterkomplex zu betrachten und sich in gleichgesinnten Bubbles zu trösten.

Es reicht nicht, auf dem weichen Kissen zu meditieren

Was Spiritualität für mich bedeutet, habe ich oft beschrieben: die neugierige, mutige, immer wieder neue Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen.

Wer bin ich wirklich? Was ist wahr? Wofür bin ich hier?

Nach dieser Definition können auch rational veranlagte Atheist:innen und Wissenschaftler:innen ernsthaft spirituell unterwegs sein. Und manche, die sich für besonders spirituell halten, sind es nicht, weil sie nur Konzepte nachplappern, die sich gut anfühlen.

Wenn ich der Frage „Wer bin ich?“ konsequent folge, lande ich zwangsläufig bei den anderen.

Und zwar nicht nur bei denen, die genauso denken wie ich. Es ist absurd, gerade noch in einem Seminar in der Einheit von Allem zu schwelgen und dann auf der Straße oder im Internet Menschen anzugreifen, die eine andere Meinung haben oder an einen anderen Gott glauben als du.

Bewusstseinserweiterung muss auch meine Fähigkeit stärken, immer mehr verschiedene Perspektiven einzunehmen. Sie muss auch zu einer Vertiefung meines Mitgefühls führen.

Sonst ist es nur privilegierter Selbstverwirklichungs-Bullshit im Namen von Spiritualität.

Wenn ich immer weiter erwache, erkenne ich, dass Leid universell ist und genauso der Anspruch auf Glück und Befreiung.

Mein Bedürfnis, mich für Strukturen einzusetzen, die alle Menschen fair und würdevoll behandeln, intensiviert sich automatisch.

Ich verstehe dann auch, dass die Evolution des Bewusstseins vielleicht kurzfristig, aber niemals langfristig rückwärtsgerichtet sein kann, sondern immer vorwärtsgerichtet. In Richtung von mehr Komplexität, mehr Verständnis, mehr Inklusion …

Deshalb bin ich zu 100 Prozent überzeugt, dass eine Spiritualität, die die konkrete Transformation der Strukturen unserer Gesellschaft ausschließt, kein Zeichen von Reife, sondern von Flucht und Privileg ist.

Ich kann mich auf der tiefsten Ebene mit jedem Menschen eins fühlen und gleichzeitig auf einer weltlichen Ebene präzise Werte vertreten und klare Grenzen setzen.

Ich kann in Meditation die Erfahrung machen, dass diese Welt nur eine Illusion ist, und mich gleichzeitig in dieser Welt aktiv für Verbesserung einsetzen.

Ich kann einen mystischen Zugang zu einem ewigen Frieden haben und trotzdem verstehen, dass ich auf der weltlichen Ebene niemals neutral sein kann.

In diesem Artikel habe ich ausführlich über den Mythos der Neutralität in der psychospirituellen Szene geschrieben.

Hier nur kurz …

Es gibt keinen apolitischen Menschen

Das Wort „Politik“ geht auf das griechische „polis“ zurück, das „Stadt“ oder „Gemeinschaft“ bedeutet. Politik bezeichnet im Kern das gestaltende Handeln von Menschen für ein Gemeinwesen.

Auch das Nicht-Eingreifen gestaltet Gesellschaft. Wer in einer Situation realer Machtasymmetrie schweigt, ergreift Partei für die stärkere Seite, er merkt es nur nicht. Das ist keine Meinung von mir, das ist schlichte Logik.

Unser Schweigen ist auch eine Handlung, mit Folgen. Die Frage ist nicht, ob du politisch wirkst, sondern nur, für welche Werte.

Die Rechte und die Spiritualität

Hier kommt eine spannende Perspektive: Während viele Spiris immer noch versuchen, sich aus der Politik herauszuhalten, hat gerade die extreme Rechte die spirituelle Dimension ihrer Politik nie aufgegeben. Sie nutzt sie seit hundert Jahren hochprofessionell.

Die intellektuellen Vordenker der Neuen Rechten berufen sich zum Beispiel auf Denker wie Julius Evola, einen italienischen Esoteriker und selbsterklärten spirituellen Rassisten, der die Moderne bekämpfte, weil sie Demokratie statt geistiger Aristokratie brachte, Gleichheit statt heiliger Hierarchie. Sein Hauptwerk gilt in diesen Kreisen bis heute als eine Art Bibel.

Diese Tradition denkt Politik ausdrücklich religiös: das Volk als heilige Substanz, die Geschichte als Erlösungsdrama, die eigene Bewegung als Orden der Eingeweihten.

Wenn Björn Höcke von einer tausendjährigen Zukunft Deutschlands spricht, wenn er das Vokabular von Volkskörper, Reinheit und Wiedergeburt bemüht, dann ist das keine rhetorische Entgleisung.

Das ist das Angebot einer Ersatzreligion, und sie funktioniert in Zeiten der Verunsicherung besonders gut, weil sie ein echtes Bedürfnis anspricht: die Sehnsucht nach Sinn, Zugehörigkeit und Bedeutung. Vielleicht ist dies eine Erklärung für die subtile Affinität mancher spiritueller Szenen zur rechten Bewegung.

Ganzheitlichkeit, Reinheit, Heimat, Licht … beliebte Begriffe aus unserem eigenen Wortschatz werden zu Einfallstoren für rechtes Gedankengut.

Deshalb ist es so wichtig, dass jeder Mensch, der an einer erwachsenen, integralen Spiritualität interessiert ist, sich nicht nur in Meditation übt, sondern auch sein Wertebewusstsein und sein konstruktiv-kritisches Denken trainiert.

Warum du mit der AfD ein Problem haben solltest, wenn du Bewusstseinsentwicklung ernst nimmst

Ich werde immer wieder gefragt, warum ich mich als Coach und Bewusstseinslehrer nicht mit Statements zurückhalten kann und warum ich mich so an der AfD «abarbeite».

Das ist ganz einfach: gerade weil mir ein gesunder Nährboden für die Entfaltung unser aller Bewusstsein so am Herzen liegt. Und weil ich überzeugt bin, dass die kommenden zehn Jahre wirklich entscheidend für die Zukunft nicht nur dieses Landes, sondern der Menschheit sind.

Und mir ist bewusst, welches Risiko wir damit eingehen. Ich kenne die Wahlumfragen. Deshalb ist mir klar, wie viele Newsletter-Abmeldungen ich mit diesem Abschnitt riskiere. Falls du mit der AfD sympathisierst, möchte ich betonen:

Ich rede in diesem Abschnitt nicht über dich, sondern über das schriftlich festgehaltene Programm dieser Partei und ihre Strategie.

Ich würde mich freuen, wenn es uns beiden gelänge, trotz unserer verschiedenen Meinungen in Verbindung zu bleiben, denn letztendlich sitzen wir alle in einem Boot.

Ich finde auch, dass in diesem Land sehr viel schiefläuft, und ich bin kein Fan der aktuellen Regierung. Ich habe volles Verständnis für den Frust und die Angst vieler Menschen in diesem Land. Nur glaube ich nicht, dass die AfD uns eine Lösung dafür anbietet.

Aus meiner Sicht kann niemand, der sich ernsthaft mit Bewusstseinsentwicklung beschäftigt und bereit ist, sich mit dem Parteiprogramm und der tiefer liegenden Ideologie der AfD auseinanderzusetzen, über folgende Punkte hinwegsehen:

Die Würde des Menschen wird zum Privileg. Das Konzept der „Remigration“, zu dem sich die Parteispitze inzwischen offen bekennt, sortiert Menschen nach Herkunft und stellt Millionen, auch deutsche Staatsbürger:innen, zur Disposition. Höcke selbst schrieb von einem groß angelegten Remigrationsprojekt, das eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ erfordere. Lies das zweimal. Jede ernsthafte spirituelle Tradition der Menschheit basiert auf der Unverhandelbarkeit der Würde.

Angst wird nicht geheilt, sondern genährt und bewirtschaftet. Ich habe hypnotische Sprachmuster intensiv studiert, und ich erkenne, ob jemand friedvoll kommuniziert oder bewusst Angst schürt. Ein ideologisches Fundament der Partei ist zum Beispiel die Erzählung vom „großen Austausch“: Eine geheime Elite tausche das eigene Volk planvoll aus. Diese Erzählung ist wissenschaftlich haltlos, aber emotional hochwirksam, denn sie verwandelt diffuse Zukunftsangst in ein klares Feindbild. Bewusstseinsarbeit macht das exakte Gegenteil: Sie hilft dir, deine Angst anzuschauen, zu verstehen und dich aus ihrer Knechtschaft zu lösen. Eine Politik, deren Geschäftsmodell die Dauerangst ist, braucht dich unbewusst. Sie kann dein Erwachen nicht wollen.

Spaltung ist hier kein Symptom, sondern Methode. Volksverräter, Systemmedien, die da oben gegen uns hier unten: Diese Wortwahl ist kein Ausrutscher. Es ist geschulte Methode. Wer Verbundenheit auch nur ansatzweise erfahren hat, erkennt den Mechanismus sofort: Dem verletzten Ego wird eine Möglichkeit geboten, sich groß zu fühlen, indem es andere klein macht.

Die Wahrheit wird strategisch aufgeweicht und gebeugt. Vom Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bis zur NS-Zeit als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte: Der Umgang der Partei mit historischer Wahrheit ist dokumentiert. Wahrheitstreue ist aber keine Nebentugend der Bewusstseinsarbeit, sie ist ihr Fundament.

Das Heilige wird gekapert. Die mythische, sakrale Aufladung von Volk und Nation, die Sehnsucht nach Reinheit und Ursprung: Das ist, wie oben beschrieben, spirituelle Sprache im Dienst der Ausgrenzung. Für mich ist das die tiefste Ebene des Problems. Hier wird nicht nur Politik gemacht, hier wird die tiefste Sehnsucht von Menschen fehlgeleitet.

Rückwärtsgewandt. Es ist natürlich, dass die Entwicklung auch immer wieder Phasen der Konsolidierung und sogar Regression beinhaltet. Doch ein Programm, das grundsätzlich auf der Idee aufbaut, dass früher alles besser war, verkauft ein Trostpaket. Nichts wird jemals wieder so sein wie früher. Bewusstseinsarbeit beinhaltet unsere Bereitschaft, kontinuierliche Transformation und die damit verbundene Unsicherheit zu begrüßen und unseren Geist immer wieder dehnen zu lassen.

Und schließlich, ganz egoistisch und pragmatisch: Die realen Sorgen werden nicht gelöst. Die Ängste vieler AfD-Wähler:innen sind berechtigt: Wohnungsnot, Pflegenotstand, Abstiegsangst, das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Nur findet sich im Programm der Partei auf diese Fragen erstaunlich wenig Antwort und erstaunlich viel Feindbild. Die Angst wird adressiert, aber nicht ihre Ursache. Das ist der Unterschied zwischen einem Heiler und einem Dealer.

Und hier noch einige konkrete Beispiele, die mich hellhörig machen.

1920 forderte das Programm der NSDAP in Punkt 24 Religionsfreiheit nur unter Vorbehalt: soweit ein Bekenntnis nicht gegen das „Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse“ verstoße. Das Judentum wurde als dem deutschen Wesen fremd markiert, sein „Geist“ zum Feind erklärt. 2026 erklärt das frisch beschlossene Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt den Islam zur „kulturfremden Religion“, deren Einfluss man beschränken werde, „soweit dies rechtlich zulässig ist“.

1920 verlangte Punkt 8 desselben NSDAP-Programms, alle Nichtdeutschen, die nach 1914 eingewandert waren, sofort zum Verlassen des Landes zu zwingen. 2026 ist „Remigration“ das erklärte Leitmotiv des Programms, samt einer Task Force für Abschiebungen und der Erfassung von Vermögenswerten Geflüchteter.

1936 und 1941 gründete das NS-Regime eigene Institute zur „Erforschung der Judenfrage“, weil die Universitäten nicht lieferten, was die Ideologie brauchte. 2026 will die AfD Sachsen-Anhalt ein außeruniversitäres „Institut für kritische Islamforschung“ aufbauen, weil die bestehende Islamwissenschaft angeblich nur Gefälligkeitsgutachten produziere.

Verstehst du, was ich meine, wenn ich sage: Geschichte reimt sich?

Aus „artfremd“ wird „kulturfremd“, aus dem Juden der Muslim. Und wieder werden alle anderen Parteien, die Demokratie und die Gerichte als korrupt dargestellt …

Können wir den Konflikt gemeinsam halten?

Ein Ausdruck von Reife ist der Grad unserer Ambiguitätstoleranz: unsere Fähigkeit, es auszuhalten, wenn mehrere wahre, sich scheinbar widersprechende Ebenen gleichzeitig bestehen. Solche Zustände lösen in unserem Gehirn starkes Unbehagen aus.

Ambig fühlt es sich für mich zum Beispiel an, zu wissen, dass ich in der Tiefe mit allen Wesen eins bin, auch mit einem Herrn Höcke, und dennoch auf der weltlichen Ebene klare Position beziehen muss. Ambig für dich könnte es sein, Teile meiner Arbeit zu schätzen, aber meine gesellschaftspolitische Haltung abzulehnen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit dieser Spannung umzugehen.

  1. Wir vereinfachen die Situation, indem wir schwarz-weiß denken und alle Andersdenkenden in das feindliche Lager verschieben.
  2. Oder wir nehmen Bewusstseinsdehnung wirklich ernst und sind bereit, den Konflikt auszuhalten und in Verbindung zu bleiben.

Das ist Andreas und meine Einladung an uns alle. Spaltung entsteht nicht durch verschiedene Werte, sondern durch Feindbilder. Je größer unsere Ambiguitätstoleranz wird, desto weniger anfällig sind wir für die Manipulation durch populistische Politiker:innen.

Wir möchten in unserem Netzwerk homodea mit Menschen in Verbindung stehen und arbeiten, die zu diesem emotionalen Spagat bereit sind. Denn nur wenn es uns Menschen gelingt, die Verbindung zu halten, auch wenn unsere Geister die Dinge anders ansehen, werden wir die großen kollektiven Herausforderungen lösen.

Ich habe selbst in meinem Verwandtenkreis etliche Menschen, die die AfD wählen. Sie sind im Grunde gute Menschen. Sie wählen nicht aus Hass. Sie sind erschöpft, enttäuscht und fühlen große Unsicherheit. Diese Gefühle und die Probleme unserer Gesellschaft, auch bei der Integration von Geflüchteten, sind real. Ich verstehe das, und ich bin selbst manchmal ratlos und wütend angesichts der Charakterschwäche und Visionsarmut unserer derzeitigen Regierung.

Was ich bestreite, ist, dass diese Partei die Lösung ist. Ich halte sie für außerordentlich gefährlich, und deshalb muss ich mich einbringen.

Umso wichtiger ist mir, noch einmal zu betonen: Alles, was ich gerade geschrieben habe, richtet sich gegen eine Partei, eine Ideologie, eine Strategie. Nichts davon richtet sich gegen dich, falls du mit der AfD sympathisierst oder sie gewählt hast.

Das ist für mich keine rhetorische Besänftigung. Es ist eine der schwersten Übungen, an der ich täglich arbeite und auch immer wieder scheitere: klar Position zu beziehen und gleichzeitig innerlich mit jedem Menschen in Kontakt zu bleiben.

Die Einheit allen Lebens zu sehen, auch in dem, dessen Handeln ich entschieden ablehne. Das ist kein Widerspruch.

Gerade weil ich dich als Menschen ernst nehme, nehme ich auch deine Entscheidungen ernst und sage dir ehrlich, was ich davon halte. Und ich bin offen für dein Feedback.

Was jetzt?

Falls du bis hierher gelesen hast, möchte ich dir danken. Ich weiß, das ist kein leichter Text. Ich mute dir etwas zu. Ich hoffe, ich konnte dich berühren.

Ich will dich von nichts überzeugen. Doch ich lade dich zu drei Dingen ein.

  1. Bilde dir selbst ein Urteil.

Wut oder Angst sind schlechte Ratgeber. Atme tief durch und lies das Programm der AfD im Original, keine abgespeckte Hochglanzversion. Hier.

Wenn es dir zu mühsam ist, bitte eine KI, es dir zusammenzufassen und dir vor allen Dingen zu sagen, welche langfristigen Konsequenzen dieses Programm für deine eigene Bevölkerungsgruppe hätte.

Hier findest du eine durchsuchbare Datenbank mit aktuell über 4.000 dokumentierten Zitaten und Sachverhalten zu rund 350 AfD-Mitgliedern, inklusive Kontext, Kategorien (z. B. Rechtsextremismus, Verstoß gegen Menschenwürde) und Quellenangaben.

Prüfe die historischen Fakten. Werde still und stell dir die Frage, ob sich hier etwas reimt, ehrlich und ohne dir die Antwort vorher zurechtzulegen.

2. Engagier dich.

Es muss nicht immer eine Großdemo sein. Es kann ein ehrliches Wort im Familienchat sein, eine klare Grenze im Seminarraum, wenn jemand Menschen abwertet, die Stimme im Gemeinderat, die öffentliche Unterstützung derer, die bedroht werden.

3. Lass uns in Verbindung bleiben.

Wenn du mit der AfD sympathisierst und bis hierher gelesen hast: Respekt, ernsthaft. Bleib sehr gern mit uns und unserer Arbeit in Kontakt. Wir sehen dich nicht als Gegner:in. Deine Sorgen und Gefühle haben bei uns Platz. Was keinen Raum hat, sind Hass und die Abwertung von Menschen.

Am 3. und 4. Juli 1926 dachten sehr wahrscheinlich die meisten Deutschen, der Parteitag in Weimar sei eine Randerscheinung, die sich von selbst erledigt. Sie hatten Wichtigeres zu tun.

Dreizehn Jahre später führte diese „Randerscheinung“ das Volk der Dichter und Denker in den grausamsten Krieg aller Zeiten.

Es ist einfach, rückblickend darüber zu urteilen.

Es ist schwerer, daraus für jetzt und hier zu lernen.

Ob sich diese Geschichte reimen wird, entscheidet sich nicht in Erfurt. Es entscheidet sich in Millionen von Einzelnen, die wegschauen oder sich einmischen, empört oder besonnen reagieren.

Du bist eine:r davon.

In stiller Verbundenheit,

Veit

PS: Alle Mitglieder unseres homodea tribe laden wir über diesen Link zur ehrlichen und respektvollen Reflexion über diese Themen ein.

Weiteres aus dem Magazin

Das am meisten missbrauchte Wort

„Liebe» ist vielleicht das meistbenutzte und zugleich meistmissbrauchte Wort, das wir kennen. Wir sagen es hundertmal am Tag und meinen damit...

Die Wut (m)einer Frau

Meine Frau ist (auch) eine lebendige Herausforderung. Das ist gut so. Und ich beginne, es zu genießen. Es ist eine Sache, die Frau an deiner Seite...